Ist Terror mit Terror zu bekämpfen?

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1. Juli 2017 in Erfurt

Aufmarsch der Partei „Die Rechte“

Um es voraus zu schicken: ich zählte 48 Teilnehmer auf Seiten der Rechten (vielleicht waren es auch 52 oder 46?). Sie kamen nicht aus Erfurt, sondern aus ganz Thüringen (!). Der Zug wurde von einer Überzahl (das Mehrfache der Menge an Demonstranten und Gegen-Demonstranten) an Polizisten begleitet. Ich kam dazu am Anger in Höhe des alten Angerbrunnens. Das sichtbare Verhalten der für einen Samstag gewöhnlich auf dem Erfurter Anger  in großer Zahl anwesenden Passanten tendierte eher hin zu Gleichgültigkeit.
Vom Kleinen Katechismus her kennen wir die Frage nach jedem Gebot: „Was ist das“?
Hier wäre dieses: Was Ist Das umzudeuten in: Was Bedeutet Das?
Sollte man aus dem soeben geschilderten die Schlussfolgerung ziehen: ignorieren, ziehen lassen, keine Bedeutung beimessen…? Die Antwort ist: NEIN!
Die Frage ist nur die: „Wie reagiert die demokratische Öffentlichkeit angemessen auf einen derartigen Aufmarsch einer Partei, so stark oder so schwach sie auch immer sein mag, die nicht nur in Symbolik (Schrifttyp, äußere Darstellung), die_rechte_demo_in_erfurtNamen (Die Rechte) und Reden keinen Zweifel daran aufkommen lässt, wessen Tradition sie vertritt. Schloss man die Augen und hörte sich die Reden an, so war man geneigt zu glauben, vor einer Tribüne eines Mai-Umzuges im Erfurt des Jahres (nun sagen wir) 1986 zu stehen. „Kampf dem Kapitalismus“, „Verstaatlichung“, „Entmachtung des Großkapitals“… u.s.w. Wer sich Tonaufzeichnungen von Nazi-Aufmärschen der frühen 20 er Jahre anhört, kennt die Polemik. Sie nannten sich (national)Sozialisten und so mancher Arbeiter meinte (und wir wissen, dass sogar Kommunisten überliefen), in dieser Bewegung nun endlich seine Heimat gefunden zu haben. Die Zeiten haben sich geändert. Der Vaerlauf und das Ende dessen, was nur wenige Jahre nach dem 1. Weltkrieg begann, ist nach wie vor tief im Bewusstsein der Gesellschaft verankert. Trotz alledem: auch heute genügt nur ein Funke, um die öffentliche Meinung in kürzester Zeit zu kippen. Selbst wenn es nicht zu mehr reicht als um die zwanzig Prozent, in die eine AfD sich nach der so genannten „Flüchtlingskrise“ empor schwang.
Sitzblockaden, solange sie friedlich verlaufen, sind angemessen. Die heutige verlief friedlich. ABER: als die ersten Mitglieder der linken Gegendemo mit Likör- und Bierflaschen in den Händen auf dem Domplatz erschienen, sprach ich eine Gruppe mit folgenden Worten an: „Was meinen Sie, was die Menschen, die hier vor den Restaurants und Cafés sitzen, davon halten, dass Sie hier grölend und mit Schnaps- und Bierflaschen in den Händen auf dem Platz erscheinen?“ Das Ergebnis waren übelste Beschimpfungen. Ich überlasse dem Leser die Wertung.

„Ist Terror mit Terror zu bekämpfen“, lautet die Überschrift.
Wir erlebten an diesem Tage keinen Terror, von keiner der beiden Seiten. Das ist und war nicht immer so und ist wohl nicht zuletzt auch dieser überwältigenden Drohkulisse von Polizeikräften zu verdanken, die den Platz und die umliegenden Straßen säumte. Das Terrorpotential ist dennoch vorhanden. Auf beiden Seiten. Auf der einen sowieso, auf der anderen, die gespalten ist, partiell. Daher ist das letzte Foto mit dem Mast, der über das Banner der „Antifaschistischen Aktion“ verläuft, nicht zufällig gewählt.
Wer noch immer an der Leninschen Klassenkampftheorie festhält, wer Leninbüsten in seinen Büros stehen hat. Wer also den verehrt, der mit seinem Hauptwerk „Staat und Revolution“ den Terror erneut salonfähig machte, wenn auch nicht für alle, so doch für einen nicht unerheblichen Teil der Menschheit, der verspielt den Anspruch auf Glaubwürdigkeit, wenn es um die Frage geht, wie man auf die andere Art Terror reagiert und wie man ihn bekämpft.
Es gab vor wenigen Jahren eine Aktion der „Grünen Jugend“, die Apfelfront. Sie machten sich lustig über die „Rechten“. Sie lachten sie aus. Das ist eine Art zu reagieren, ohne lautstarke Parolen, die im Kern oft nicht besser sind, als die anderen, weil demagogisch.
Einige Meter weiter, am anderen Ende des großen Platzes, vor der Front des Landgerichts, dort wo die Touristenbusse parken, bemühten sich einige wenige Akteure mit einer friedlichen Kundgebung um Aufmerksamkeit. Man hörte sie nicht und man sah sie kaum. Warum?

Warum? Weil der zivile Widerstand zu schwach ist. Weil die Menschen in ihrer Mehrheit Ruhe haben wollen. Weil sie Angst haben, zwischen die Fronten zu geraten, trotz Polizei. Weil viele das Vertrauen in den Staat verloren haben, weil…, weil…, weil. Da übersieht man schon einmal einen Betrunkenen am Rinnstein und ein Straßenreinigungsfahrzeug der Stadtwirtschaft, das nur wenige Zentimeter an dem Mann vorbei fährt. Zum Glück gibt es immer noch ein paar Menschen, die das nicht übersehen.
Mein Sohn erzählte mir, dass einige seiner Mitschüler die Teilnahme an der Gegendemo verweigerten, genau aus den oben genannten Ängsten heraus.
Wir brauchen keine Aktionen. Wir brauchen eine noch stärkere Zivilgesellschaft Und wir brauchen, wie schon so oft kritisiert, Politiker, die nicht nur präsent seind, wenn Fernsehkameras vor Ort sind, sondern die voran gehen.


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