Herr Bundespräsident auf ein Wort, bitte

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Offener Brief an Herrn Bundespräsident Frank Walter Steinmeier

Verantwortung und Schuld der Deutschen?

75 Jahre Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau

auschwitzHerr Bundespräsident, darüber sollte Einigkeit bestehen. Der 27. Januar 1945 – einer der Tage, an denen das Grauen Gesichter bekam. Wie vorher in Majdanek und Treblinka, wie später im Mittelbau Dora, in Buchenwald und anderswo. Berge an Leichen, Berge an Resten menschlichen Lebens, ausgemergelte Gesichter, die kaum noch menschliche Züge trugen. Das grauenvolle Ergebnis einer wahnwitzigen Idee, ein kollektives Verbrechen, ausgeführt von Tätern aus Überzeugung, aus Mitläuferschaft und nicht zuletzt aus Angst, selbst auf dem Richtblock zu landen, wer den Befehl verweigert. Wer in einer Diktatur gelebt hat, der weiß dass es stets auch um das eigene Leben, um die eigene Gesundheit, um die eigene Freiheit geht, wenn man sich offen dagegen stellt. Heldentum ist keine vorherrschende Eigenschaft unserer Spezies.
Zutiefst bewegt habe ich die Rede des Überlebenden Abba Naor anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung des KZ Dachau am 03.05.2015 verfolgt, in der er sagte: „Wenn sie nun glauben, die Nazis waren unmenschlich, dann irren sie, sie waren Menschen, wie sie und ich. Und das ist ja das Furchtbare daran. Selbst KZ-Kommandanten waren, wie berichtet wird, liebevolle Väter, die mit ihren Kindern spielten, nachdem sie tausende in die Gaskammern getrieben hatten.“
Ich stelle diese Worte voran, um nicht in den Verdacht zu geraten, zu denen zu gehören, die diese Verbrechen an der Menschheit verharmlosen oder gar vergessen machen wollen. Leider ist die Streitkultur in diesem Lande auf ein Niveau herab gesunken, welches derartige Befürchtungen zulässt, in dieser wie in anderen Angelegenheiten. Daran hat die Politik keinen geringen Anteil.Aus Respekt vor den Opfern erscheint dieser Brief außerdem einen Tag nach dem 27. Januar, dem Tag, an dem die Welt der Toten gedenkt.
Vergessen, nie, Gedenken, ja, ewige Mahnung, ja, doch wie sieht es mit Verantwortung und Schuld aus? Und wer hat das Recht, uns allen, den Deutschen, eine unvergängliche Verantwortung und somit eine unvergängliche Schuld aufzubürden?

Sehr geehrter Herr Bundespräsident

In Ihrer Rede in der nationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem heißt es: „Unsere deutsche Verantwortung vergeht nicht. Ihr wollen wir gerecht werden. An ihr sollt Ihr uns messen.“
Dass dieses Deutschland territorial nicht mehr identisch ist mit dem von 1933, unwesentlich. Doch wie sieht es mit den Deutschen aus? 83 Millionen, die einen deutschen Pass besitzen, die auf dem Territorium des Staates leben, der sich Bundesrepublik Deutschland nennt, die hier geboren, die zugewandert oder geflüchtet sind und hier Schutz gefunden haben, die einst kamen um Arbeit zu finden oder einfach all jene, die sich als Deutsche fühlen. Die erdrückende Mehrheit all derer, egal woher sie kommen, egal warum sie hier leben, egal was sie verbindet, egal was sie trennt, eint aber ein einziger Sachverhalt: sie sind nach dem 30. Januar 1933 geboren. Sie trifft keine Schuld und somit keine Verantwortung und schon gar keine kollektive, es sei denn, der Einzelne ist bereit, aus welchem Grunde auch immer, eine solche zu übernehmen. Das stünde auch Ihnen frei, Herr Steinmeier. Doch mit welchem Recht sprechen sie für Deutschland? Ich, wie Millionen andere, fühle mich nicht verantwortlich wie ich mich auch nicht schuldig fühle.

Wer hat Sie gewählt, Herr Bundespräsident?

herr_bundespraesidentSie sind nicht einmal gewählt, jedenfalls nicht nach den Prinzipien, die einer westlichen Demokratie gerecht werden. Dass das Grundgesetz der BRD ihren Status legitimiert, heilt diesen Umstand noch lange nicht, weil auch dieses Grundgesetz zu keiner Zeit eine demokratische Legitimation erfuhr. Wenn auch immer mal wieder Politiker erklären, es habe sich bewährt, das Grundgesetz. Man hat sich darin eingerichtet, nicht mehr und nicht weniger. Selbst einer der wichtigsten Gründe, der seinerzeit Ihrem beschränkten Machtstatus Pate stand, ist inzwischen hinreichend widerlegt. Jeder der die Geschichte kennt, weiß was ich meine. Nur wenige, vornehmlich links orientierte Historiker halten an den Legenden fest.

Der Riss in unserer Gesellschaft

Wie fühlt man sich denn als Repräsentant, dessen Kür in einem mehr als traurigen Prozess zwischen den im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien ausgehandelt wird. Für ausgehandelt könnte man auch ein anderes Wort verwenden, das wäre aber unhöflich Ihnen gegenüber. Die Hälfte der Wahlfrauen und Männer, die ihnen wie anderen vor ihnen in dieser Inszenierung ihre Stimme gaben, ist auch nicht demokratisch gewählt worden, sondern von Interessenvertretern der Parteien ausgewählt, die sich an das Ritual halten, das eher dem „Zettelfalten“ ähnelt, wie wir es in der verstorbenen DDR kannten. Schon allein dieser Grund verleiht Ihnen nicht das Recht, für Deutschland zu sprechen. Mit solchen Bekenntnissen wie dem in Yad Vashem tragen sie wenig dazu bei, dass sich der immer tiefer werdende Riss in dieser, unserer Gesellschaft nicht noch weiter vertieft und neben den zahllosen Claqueuren, die Ihren Auftritt bejubelten, gibt es ja auch einige Kritiker.
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Selbstherrlichkeit

So wichtig es ist, dass sich an einem solchen Tag ein hochrangiger Deutscher zur Schuld derer bekennt, die diese Verbrechen verübt haben, so wenig haben Sie denen einen Gefallen getan, die Sie erneut in kollektive Staats-Haft nehmen, Herr Bundespräsident. Vielleicht lohnt es sich, darüber nachzudenken woher zunehmender Antisemitismus stammt. Abgesehen von dem, den wir tagtäglich in unser Land hinein lassen. Hass entsteht auch dort, wo man Menschen permanent eine Schuld zu unterschieben versucht, die keiner mehr versteht. Und jeder weiß, dass es hierbei nicht allein um verbale Zuwendungen geht. Den Anfängen wehren kann auch beinhalten, dass man wieder denen sein Ohr zuwendet, die nicht hinreichend dazu in der Lage sind, sich differenziert genug zu einem derart schwierigen Thema zu äußern und daher bisweilen dazu neigen, den Populisten auf den Leim zu gehen.
Doch gewinnt man gelegentlich den Eindruck, dass Teile der Politik zunehmend in Selbstherrlichkeit versinken, manche nennen es Arroganz der Macht. Dieser letzte Teil des Briefes war an sich nicht vorgesehen. Die Idee entstand am Abend des gestrigen Tages, dem 27. Januar 2020. Eine im Thüringer Landtag vertretene Partei beging im Tivoli zu Gotha ihren 30. Gründungstag. Doch anstatt all jene zu ehren, die vor 30 Jahren unter schwierigsten Bedingungen diesen Parteitag vorbereiteten, feierten sich Parteiführung nebst einer Hand voll Lokalpolitiker in ihren acht Prozent der letzten Landtagswahl. Man könnte es als eine Momentaufnahme bezeichnen, wäre da nicht die Symptomatik der öffentlichen Wahrnehmung von Politik schlechthin. Niemand möchte glauben, um auf den Ausgangspunkt zurück zu kommen, dass Ereignisse wie der 27. Januar und dessen Vorfeld zum selben Zweck benutzt werden. In diesem Sinne,
mit freundlichen Grüßen
der Autor dieser Seite


1und1 herr_bundespraesident_auf_ein_wort_bitte

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2 Kommentare zu "Herr Bundespräsident auf ein Wort, bitte"

  1. Danke, besser und deutlicher kann man Deutschland, seine Politik und seine Politiker nicht beschreiben.

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