Anstand 1960 – Der Russe – Frei von Angst

anstand_1960_der_russe_erinnerungen

Frank C. Mey – Erinnerungen

Anstand oder Mitgefühl, was macht das für einen Unterschied?

Er beugte sich zu mir herab, als er zu griff. Ich wartete nicht, sondern rannte davon …

Ein nasskalter Novembertag

… des Jahres 1960, dichter Nebel, die Hand kaum vor den Augen zu erkennen. 1960 oder ein Jahr später, ich weiß es nicht mehr so genau, kann sein sogar ein Jahr davor? Die Geschichte wurde jahrzehntelang während diverser Familienzusammenkünfte regelmäßig zum Besten gegeben. Ebenso wenig weiß ich, warum sie mir gerade vor einigen Tagen durch den Kopf ging. Lange vergessen, seit Ewigkeiten nicht mehr daran gedacht. Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass man in dieser Zeit der Pandemie den Unterschied zwischen Anstand, man kann es auch Solidarität nennen, und grenzenlosem Egoismus, Ignoranz und Rücksichtslosigkeit besonders drastisch vor Augen geführt bekommt.

Assoziative Isolation

Eine Minderheit der Gesellschaft, die das Problem verdrängt, assoziative Isolation, das Bewusstsein entwickelt Strukturen, die unangenehme Wahrheiten abwehren, sie außerhalb des Bewusstseins quasi isoliert. Wie die ungewollt Schwangere, die, solange bis sie es nicht mehr verbergen kann, die ungewollte Schwangerschaft verdrängt. Bis dahin schadet sie sich im schlimmsten Falle selbst. Wenn sie aber, um ihren Zustand weiterhin zu vertuschen, sich den Leib über das körperlich Erträgliche einschnürt und damit möglicherweise das ungeborene Leben nach Ablauf des dritten Schwangerschaftsmonats gefährdet, dann wird sie kriminell.

Wer die Gefahr der Pandemie leugnet

… jedenfalls sofern er im Besitz einer durchschnittlichen Intelligenz ist, begibt sich in eine vergleichbare Lage. Er nimmt die eigene Erkrankung (und möglicherweise den Tod) billigend in Kauf. Das mag, abgesehen davon, dass er die Solidargemeinschaft im Falle seiner eigenen Erkrankung unnötigerweise in Anspruch nimmt, Privatsache sein. Wenn er aber damit, ob bewusst oder unbewusst, die Erkrankung (und möglicherweise den Tod) Dritter durch Ansteckung in Kauf nimmt, wird er ebenfalls kriminell. Und anders kann und darf man das Verhalten einer Reihe dieser Zeitgenossen nicht bewerten. Ihre Anführer oder Parteigänger sind nicht besser. Wenn Menschen an niedere Instinkte appellieren oder dieselben aktivieren, sind sie nicht minder kriminell. Fehlender Anstand wäre hier zu kurz gegriffen.

Der Novembertag

… den ganzen Tag über rollten Militärkonvois durch unsere Kleinstadt, die an einer Fernverkehrsstraße liegt (heute nennt man dieselben Bundesstraßen). Die längste Fernverkehrsstraße Europas, brüsteten wir Pimpfe uns seinerzeit. Ob das wirklich so war, das wusste keiner ganz genau. Irgendjemand musste es einmal behauptet haben. Dennoch, man war stolz, an der längsten Fernverkehrsstraße Europas zu leben. Heutzutage schier unvorstellbar, doch seinerzeit konnte man die Zahl der Autos, die tagtäglich solche Straßen befuhren, noch an wenigen Händen abzählen, es sei denn das Militär hielt irgendwo eine Übung ab.

Kein Lenin-Denkmal

Dort wo die Hauptstraße in flachem Winkel abbiegt, wo es geradeaus in den Ort hineingeht, befindet sich direkt innerhalb des daraus resultierenden Dreiecks eine mit mehreren Baum- und Strauchgruppen bepflanzte Grünanlage. In deren Zentrum ein Denkmal für die Gefallenen des Ortes während des Ersten Weltkrieges. Gebogene Mauer von Säulen unterbrochen, mit Metalltafeln, darauf die Namen der Opfer gestanzt. Meine Familie beklagte allein drei Tote. Ob ich stolz darauf war, weiß ich nicht mehr, sofern man das im zarten Alter von sieben Jahren überhaupt beurteilen konnte. Auf einem zentralen Podest ein steinerner Löwe, der gen Osten blickt. Man konnte bequem auf dessen Schultern sitzen. Verboten zwar, doch wen störte das? Bei einem Lenin-Denkmal hätte man sich wahrscheinlich anders verhalten.
Die Grünanlage wenige Meter vom heimischen Hof entfernt, eine beliebte Spielstätte, besonders wegen der Strauchgruppen, hinter denen man sich trefflich verstecken konnte. In der späteren Jugendzeit brachte dieser Umstand einen weiteren Vorteil mit sich, auf dessen nähere Beschreibung ich an dieser Stelle aus gutem Grunde verzichten möchte.

November, dichter Nebel

anstand_rote_armee-003… wir „funzelten“. Funzeln, das Wort kommt von der „Funzel“, hochdeutsch die Taschenlampe. Besonders beliebt die Stablampen, weil man durch Drehen des Kopfes die Bündelung des Lichtstrahls verändern konnte. Fünf Ostmark das Stück, viel Geld zu dieser Zeit, doch wer etwas auf sich hielt, der besaß so eine, eine „Stab-Funzel“. Es gab Freaks, die aus zwei eine machten, indem man die Hülse der zweiten nach Abschrauben des Kopfes über das Deckelgewinde am Fuß der ersten schob und beide Teile verlötete. Das sah geil aus, der Stab doppelt so lang, der Lichtstrahl nahezu doppelt so hell und weitreichender. Allein die Glühbirnen brannten regelmäßig durch, aber die kosteten nur Pfennige und waren leicht zu ersetzen.
Die Laser-Schwerte aus „Star-Treck“ waren noch nicht bekannt, doch Lichtstrahlen im dichten Nebel wirkten ähnlich. Aber wir fochten nicht wie die Jedi-Ritter, sondern funzelten in die Fichten, in denen sich Eulen und Kauze versteckten. Das besondere Gaudi, wenn man einen erwischte. Von den grellen Lichtbündeln gelähmt, ergriff er nicht einmal die Flucht, warf man Steine ins Geäst, man musste ihn treffen. Letzteres gelang nie.

Der Russe

An bewusstem Abend waren es nicht Eulen und Kauze, denen unserer Aufmerksamkeit galt, sondern DER RUSSE. In ein grau-braunes Cape gehüllt, mit Kapuze, die den Stahlhelm und den oberen Teil seines Gesichts bedeckte, stand er nahezu bewegungslos direkt auf der Spitze zwischen abbiegender Hauptstraße und Ortseinfahrt. Wir trauten uns nicht in seine Nähe, funzelten ihn von hinten an oder von der anderen Straßenseite aus. Er wirkte bedrohlich, obgleich er nichts dergleichen tat. Zwischen den Säumen des Capes, das vermutlich von Knöpfen zusammengehalten wurde, lugte in Höhe seiner Brust der Lauf einer Maschinenpistole heraus. Der rechte Arm reckte sich durch einen Schlitz an der Seite des Capes, während der linke offenbar unter dem Cape an der Waffe lag. Wir hatten keine Angst, Respekt? da stand etwas Fremdes, ein großes, grau-braunes Tier.
Vor ihm, in einem Dreibein befestigt, eine brennende Fackel, daneben ein Sack, in dem, wie wir vermuteten, weitere Fackeln als Reserve verstaut sein mussten. Der Einsatz brennender Fackeln bei starkem Nebel war in der DDR bis Ende der 80er Jahre an Kreuzungen und Abzweigungen üblich.

Russen in ihren kackbraunen Uniformen

anstand_rote_armee-001In der rechten Hand hielt er eine rechteckige Taschenlampe, wie man sie auch bei uns von Nachtwächtern her kannte. In die Blechhülle zwei dünne Plastikscheiben eingelassen, eine rote und eine grüne, die man mittels eines Schiebers über das farblose Glas des Scheinwerfers bewegen konnte. Sobald die Lichtkegel der Militärfahrzeuge im dichten Nebel auftauchten, vollzog er mit der rechten Hand und dem eingestellten grünen Licht in Richtung der abbiegenden Hauptstraße kreisende Bewegungen.
Wir funzelten aus dem Schutz der Denkmalmauer heraus auf die Ladeflächen der LKW, deren Planen an den Rückseiten nicht verschlossen waren. Russen in ihren kackbraunen Uniformen, die Gewehre zwischen den Knien. „Hellkackbraun“, wie ich Nachbar Ede einmal reden hörte. Die Russenscheiße sei deshalb hellbraun, weil die die ganze Woche nichts anderes als Borschtsch zu fressen bekämen. Sonntags ein paar Fettgrieben darin, ansonsten mehr Wasser als Kohl, wusste der Nachbar zu erzählen. Das habe er im Krieg mehr als einmal erlebt.

Ein Nazi wie er im Buche stand

… der sich offenbar während der Entnazifizierung erfolgreich krank gemeldet hatte. Er traute sich nur zu uns herüber, wenn mein Opa nicht anwesend war. Als Sozialdemokrat der der Zwangsvereinigung mit der KPD 1946 standgehalten hatte, hasste der die Nazis wie der Teufel das Weihwasser. Doch in einem waren sie sich einig, Opa und Nachbar Ede, der Russe war für beide der Iwan, so wie ihn schon die Nazis nannten, und beide hassten sie die Kommunisten. Wir waren also von Hause aus nicht unbedingt als Freunde der ruhmreichen Sowjetunion, wie man in der DDR den „großen Bruder“ offiziell gern nannte, erzogen. Das traf ebenso auf meine Spielkumpels zu.
Dennoch empfand ich keinen Hass gegen die, die da durch die nasskalte Nacht fuhren. Was für arme Schweine das waren, erfuhr man erst verlässlich nach der Wende. Gerüchte gab es vorher bereits genug, doch durfte man wegen strengster Strafe, die jedem drohte, der die ruhmreiche Sowjetarmee „diffamierte“, nicht ein einziges Wort darüber offiziell verlieren. Daran trugen andere die Schuld, nicht die armen frierenden Hunde auf den LKW.
reportagen_aus_erfurt_und_thüringen_2016

Anstand oder Mitgefühl?

Ich weiß nicht einmal mehr, ob er mir leid tat, dieser Soldat, von dem man keinen Gesichtszug erkannte, kein Alter, wahrscheinlich zählte er nicht viel mehr Jahre als mein neun Jahre älterer Bruder. Heute weiß ich, dass es junge Burschen waren, die man hierher schickte, kaum Achtzehn und schon eingezogen. Womöglich lebt er ja noch? Nicht totgeprügelt von verrohten Offizieren und sogar Kameraden, nicht auf der Flucht erschossen, weil er wie andere neugierig war, was da wohl außerhalb der Kasernenmauern in diesem fremden Land passiert. Da wo die „Faschistki“ leben, wie man selbst uns Ostdeutsche in der Sowjetunion seinerzeit noch bezeichnete. Bei nicht wenigen mit Recht. Und die „Kapitalistki“, weil es uns in der DDR eben besser ging als der Mehrheit der Russen und der im roten Kolonialreich unterjochten Völker.
Kann sein er tat mir leid, auf jeden Fall ergriff mich Trauer, als der Ruf meiner Mutter durch den Nebel hallte. Abendbrotzeit, und weil das bei fast allen nicht anders war, verließ nicht allein ich das Feld, sondern auch die anderen. Da stand er nun, im Nebel, die Fackel zu seinen Füßen, alleingelassen. Vielleicht hatten wir ihn ein wenig unterhalten mit unserer Anwesenheit, mit unserer Neugier, mit unseren Funzeln?

Für den Soldaten an der Chaussee

anstand_rote_armee-002Es gab wie jeden Abend Wurst, Käse und Brot, meist etwas Warmes dazu. Eine Knobländer, die man anderswo Krakauer, noch anderswo Fleischwurst nennt. Letztere mit dem Makel, dass sie nicht schmeckt. Es müssen Thüringer gewesen sein, die den Polen das Wurstmachen beigebracht haben. An jenem Abend gab es Kartoffelpuffer. Ohne lange zu überlegen, riss ich eine Lage Butterbrotpapier von der Rolle, die stets am Küchenschrank hing und wickelte die für mich bestimmten zwei Puffer darin ein. An die Reaktionen der Familie vermag ich mich nicht mehr zu erinnern, doch niemand hinderte mich. Als siebenjähriger hätte ich mich andernfalls wohl fügen müssen. „Für den Soldaten an der Chaussee“, werde ich vermutlich gesagt haben, bevor ich das Haus verließ.
Er beugte sich zu mir herab, als er zu griff. Ich wartete nicht, sondern rannte davon, kaum dass er das Päckchen in der Hand hielt. An der Straßenecke blieb ich stehen, gerade in dem Moment biss er zu.
Später, wenn das Thema ins Gespräch kam, habe ich mich oft gefragt, ob der Soldat das Paket auch von einem Erwachsenen genommen hätte …
Doch in Einem war ich mir stets gewiss, wenn das Ereignis auftauchte, so oft man in meiner Familie darüber sprach, so oft wird er, dieser Soldat, davon erzählt haben, falls er überlebte. Anstand oder Mitgefühl, was macht das schon für einen Unterschied?


Lesen Sie auch:

Meine Bücher im Verkauf

mutterliebe_taschenbuchfrank_c_mey_regenwuermer_vertragen_kein_coffein_leseprobenchrissys_tagebuchdunkle_perlen_erotiknovellenhemmungslos_frivol_erotische_erzaehlungen2021_roman
MutterliebeRegenwürmer vertragen kein CoffeinChrissys Tagebuch Teile 1 und 2Dunkle PerlenHemmungslos frivol2021

Regenwürmer vertragen kein Coffein

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob mir das in dieser Geschichte niedergeschriebene erspart geblieben wäre, hätte ich nicht am 25. August des Jahres 1997 virtuell einen Chatroom betreten, der den vielversprechenden Namen „Manager-Treff“ trug. Ebenso wenig sicher bin ich mir, ob es nicht besser gewesen wäre, der Bekanntschaft, die sich an besagtem Tage anbahnte, lieber aus dem Wege zu gehen.
Überhaupt nicht sicher hingegen bin ich mir, ob ich das Ganze nicht vielleicht doch hätte erleben wollen und vielleicht tief traurig darüber gewesen wäre, hätte es überhaupt nicht stattgefunden. Was selbstverständlich hinterher niemand hätte wissen können, am wenigsten ich selbst ...Lisa, gerade vierzehn geworden, benahm sie sich völlig ungeniert, als wir uns zum ersten Mal begegneten. Man könnte so weit gehen, sie als völlig schamlos zu bezeichnen. Frech, kess, einen Hauch frivol. Sogar eine Prise Obszönität schien tief in ihrem Wesen versteckt zu sein. Das lag wohl eher daran, dass sie nicht vollumfänglich imstande war, die Wirkung ihres frühreifen Körpers auf spätreife Männer in seiner gnadenlosen Wucht auch nur ansatzweise zu erkennen.
frank_c_mey_regenwuermer_vertragen_kein_coffein_leseprobenLuise, blond und zweigeteilt in die lähmende Kälte des Nordens oben herum. Weiter südlich, vom Nabel abwärts, das ewig lodernde Feuer der Südländerin. Das war nicht immer so. Als wir uns das erste Mal körperlich trafen, wirkte sie welk. In ihrem Schoß schien sie trocken und völlig erkaltet. Später entwickelte sich die Region zwischen ihren Oberschenkeln zu einem pulsierenden Moloch, der mich, flog sie ihrem Höhepunkt entgegen, jedes Mal in sich hinein sog. Wenn er mich wieder ausspuckte, dann einzig zu dem Zwecke, mich einen Augenblick später erneut zu verschlingen. Wie eine wiederkäuende Kuh. Wir lernten uns in dem eingangs erwähnten Chat-Room kennen, in der Zeit kurz nachdem das internationale Spinnennetz seine Ausläufer über den großen Teich hinweg bis nach Deutschland wie in den Rest der Welt hinein schob.
Luise bewegt sich weiter, schneller … Nichts geht mehr, rien ne va plus. Enttäuscht wirft sie sich auf den Rücken. Ein Zischen dringt aus ihrem Hals. Wie wenn man beim Ausatmen die Zunge an den Gaumen drückt, wie bei einer Schlange, begleitet von zornigem Stirnrunzeln. Das höre und sehe ich zum ersten Mal. Bislang gab es nie einen Grund dafür.
„Wir haben den ganzen Tag Zeit … Dazu die halbe Nacht …“, will ich sie vertrösten. Doch sie springt bereits aus dem Bett. Grollend zieht sie sich den Morgenmantel über, anschließend geht sie ins Bad. Als ich ihr wenig später folge, kommt Lisa in Bernys Begleitung aus ihrem Zimmer heraus. Zähnefletschend wedelt er mit dem Schwanz. Lisa lacht mich aus ihren strahlenden Augen heraus an, so blau wie tief. Einen Augenblick lang berühren sich im Vorübergehen unsere Hände, ein Hauch Zärtlichkeit. Sekundenbruchteile wandeln sich zu einem endlosen Flug in die Ewigkeit, am Ende ein Licht, das ein leises Sirren sendet. So muss Odysseus den Gesang der Sirenen empfunden haben …Alle Leseproben>>>

Sie sind nicht Kunde|in bei Amazon?

Sie können die Bücher auch als gebundenes Buch oder Taschenbuch unter Angebe der ISBN in jeder Buchhandlung erwerben. Die ISBN finden Sie auf der jeweiligen Seite mit den Leseproben.

Oder Kauf direkt beim Autor mit Wunschsignatur - Information hier>>>

Besuchen Sie auch meine Autorenseite bei Amazon>>>

Zufällige Werbeeinblendungen - Wenn Sie Werbung auf diesem Blog schalten wollen, dann senden Sie bitte eine Anfrage über das Kontaktformular>>>>

1und1 anstand_1960_der_russe_erinnerungen
88 / 100

2 Kommentare zu "Anstand 1960 – Der Russe – Frei von Angst"

  1. Fühle mich beim Lesen gerade zurückversetzt in meine Kindheit in der Nähe von dresden

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.