9. November – Schicksalstag der Deutschen

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Peter Przybylski – Tatort Politbüro – Leseproben

Die Akte Erich Honecker und der 9. November

9. November 1989 – Fall der Berliner Mauer und mit ihr, in der Folge, Fall des Eisernen Vorhangs

Das Bücherregal

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Peter Przybylski in „Der Staatsanwalt hat das Wort“

Wie so oft, wenn große Ereignisse an- oder bevorstehen, in diesem Falle der 9. November, wandert mein Blick über mein Bücherregal. Dieses Mal blieb er haften an einem Buch, das kurz nach seinem Erscheinen im Jahre 1991 seinen Platz darin fand – Tatort Politbüro von Peter Przybylski. Nicht neu, aber in jedem Falle wert, hin und wieder in Erinnerung gebracht zu werden. Umso mehr, als dass sich in jüngerer Zeit, unter dem Eindruck von Corona oder dem Kampf gegen den Klimawandel, die Gesellschaft wieder zunehmend polarisiert und einige Zeitgenossen den Eindruck erwecken, ihnen dürste es nach einer anderen Staatsform. Andere hingegen wähnen sich schon wieder in einer Diktatur, ohne dass viele von ihnen wissen, was dieses Wort überhaupt bedeutet und welche Folgen es für Menschen hatte.

Der 9. November

Ein Schicksalstag der Deutschen, nur wenige Tage fehlen, in diesem Jahr fällt er auf einen Dienstag. Im Jahre 1989 war es ein Donnerstag, als am Abend anlässlich einer Pressekonferenz zu den geplanten neuen Reiseregelungen das Politbüromitglied Schabowski auf die Frage eines italienischen Journalisten, wann die neuen Regelungen in Kraft träten, erwiderte: „Das tritt, nach meiner Kenntnis …“, er stotterte kurz, „sofort in Kraft …“, nach kurzem Blättern in seinen Unterlagen, „unverzüglich …“ Der Auslöser für eine menschliche Lawine und Ratlosigkeit in allen Führungsorganen der maroden DDR, als plötzlich Tausende an den Grenzübergängen erschienen und schließlich die Öffnung der Schranken erzwangen. Ich saß, gemeinsam mit einigen Gesinnungsgenossen im Gemeindehaus der Erfurter Regler-Kirche, wir gründeten an diesem Abend den Ortsverband der SDP (Sozialdemokratische Partei in der DDR), als die Meldung im Radio lief.

Tag der Geschichte
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Bornholmer Straße 9. November 1989

Der 9. November spielt keine geringe Rolle in der Deutschen Geschichte, ruhmreich wie befleckt. 1848 die Hinrichtung Robert Blums in Wien, einer der demokratischen Führungspersonen in der gescheiterten Revolution 1848/ 49 und Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung. 1918 ruft Philipp Scheidemann von einem Fenster des Reichstagsgebäudes die Deutsche Republik aus, wenige Stunden später Karl Liebknecht von einem Balkon des Berliner Stadtschlosses die Freie Sozialistische Republik Deutschland. Und schließlich die schwarzen Tage oder Nächte, 1923 der Hitler-Ludendorff-Putsch in München und 1938, in der Nacht zum 10. November die Reichskristallnacht. Weniger bekannt der Startschuss zur 68er-Bewegung an der Hamburger Universität am 9.11.1967, 1969 die Deponierung einer Bombe im Jüdischen Gemeindehaus in (West-)Berlin durch eine linke Terrorgruppe und 1974 der Tod des RAF-Terroristen Meins nach 58 Tagen Hungerstreik.

Revolutionen

Mit Revolutionen, besonders mit siegreichen, sind wir Deutsche ja nicht gerade verwöhnt. Der Bauernkrieg, von einigen Historikern, besonders in der sozialistischen Hemisphäre, als frühbürgerliche Revolution hochstilisiert, ging verloren, was gar nicht anders hätte kommen können. Die Bürgerlich-Demokratische Revolution 1848/ 49 wurde erstickt, weil inzwischen bereits ein Gespenst in Europa beschworen wurde und die Bourgeoisie die Volksbewaffnung fürchtete, aus Angst, die Gewehre und Kanonen könnten sich gegen sie selbst richten.
1918 – Das Ende des Kaiserreichs wurde auf den Schlachtfeldern des Westens besiegelt, was folgte waren Wirren und der Versuch einer Sozialistischen Revolution in den Kämpfen Ende des Jahres 1918 und Anfang 1919. Die übergroße Mehrheit der Deutschen wollte keinen Kommunismus nach russischem Vorbild.

Friedliche Revolution?
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9. November 1918 – Scheidemann ruft die Republick aus

Walter Momper, der damalige Regierende Bürgermeister West-Berlins, soll den Begriff als erster benutzt haben, und zwar bereits am 10. November 1989, am Tag nach dem Mauerfall. Ich selbst habe den „Revolutionsbegriff“ stets abgelehnt, wie andere auch, die von Anfang an beteiligt waren, aus unterschiedlichen Gründen heraus. In einem Beitrag in diesem Blog anlässlich des 30. Jahrestages des Mauerfalls bin ich auf das „Warum“ eingegangen.
Und so wundert es auch nicht, dass der Held in einer meiner Erzählungen (die im Übrigen nicht nur erotisch sind) zu nachfolgendem Schluss kommt:
… als sich nach der Wende, die von zahlreichen Politikern, obgleich gerade die es besser wissen sollten, selbst heute noch und wohl bis in ferne Zukunft, sofern es eine geben wird, stereotyp als friedliche Revolution bezeichnet wird; – der Deutschen großer Ärger, wir hatten nämlich bis dahin gar keine richtige, jedenfalls keine siegreiche, weder friedlich noch blutig -. Daher muss die so genannte Wende ewig als Revolution herhalten. Aber selbst die war nur eine solche für einen Teil Deutschlands, nämlich für den östlichen. Somit kommt dem Osten der Verdienst zu, den Westen endlich mit einer, wenn auch fragwürdigen, Revolution versorgt zu haben. Wofür sich die mehrheitlich aus dem Westen stammenden, nunmehr gesamtdeutschen Politiker sicher lange Zeit kräftig auf die Brust klopfen werden. Selbst die, die zu keiner Zeit etwas damit zu tun hatten … Zu den Leseproben>>> amazon_audible

Peter Przybylski

… und der 9. November, oder was darauf folgte.
Geboren am 26. September 1935 in Breslau ( heute Wrocław – Polen), Sohn eines Autoschlossers und einer Krankenschwester, legte in Riesa sein Abitur ab und studierte bis 1958 an der Karl-Marx-Universität in Leipzig Rechtswissenschaften. In der DDR Aufgewachsenen, besonders denen, die nicht in den Genuss kamen, Westsender empfangen zu können, bekannt als Der Staatsanwalt in der Fernsehserie „Der Staatsanwalt hat das Wort“. Mitglied der SED, in der Wendezeit Sprecher des Generalstaatsanwalts der DDR und beteiligt an den Ermittlungen gegen Honecker und die Mitglieder des Politbüros Mielke, Mittag und Herrmann. Seit Sommer 1990 Rechtsanwalt in Berlin.
Er starb am 30. März 2019. 9_november_tatort_buch

Ein Wendehals?

Der Begriff kursierte in der Zeit nach dem 9. November, besonders für Personen, die anscheinend treue Diener des alten Systems waren und sich nach dem Mauerfall am 9. November als Mitstreiter ausgaben. Waren sie damit aber auch zwangsläufig Täter? Für die, die nie eine Diktatur erlebten, leicht gesagt, ich darf aber mit gutem Gewissen feststellen, dass ich nach der Wende unter Personen aus dem Westen mindestens eben so viele Duckmäuser erlebt habe wie davor im Osten. Lassen wir Przybylski in seinem Vorwort selbst zu Wort kommen:

„Die Einblicke,

… die ich seitdem (gemeint ist das Studium der Dokumente, die dem hier vorgestellten Buch zugrunde liegen, Anm. der Autor des Beitrags) in die Machtstrukturen und -techniken des Regimes unter Honecker nehmen konnte, haben mir auch mein eigenes Versagen bewusster werden lassen. Denn auch die Justiz der DDR war einer der Darsteller im Ensemble der Mächte, der – wenngleich mit nur geringem Einfluss auf das Regime – diesem doch den Schein der Legitimität gegeben hat.“
Das kann man ihm abnehmen oder auch nicht, doch wer vor der Wende auch nur die Spur von Durchblick hatte, hätte auch schon vor dem 9. November erkennen müssen, woran er wirklich ist. Doch tut das der Bedeutung dieser Dokumentation „Tatort Politbüro“ keinerlei Abbruch.

Tatort Politbüro

Kein Roman und nicht wie ein solcher zu lesen, eine Dokumentation, bisweilen spannender als ein Roman, in Teilen wie ein Krimi, in anderen Teilen schon fast wie eine Humoreske. Przybylski wertete bis dahin unzugängliche Akten, auch Tonbandmitschnitte aus Politbürositzungen, andere Dokumente und Zeugenaussagen aus und verdichtete die auf etwas mehr als 200 Seiten zur Akte Honecker. Im Anhang des Buches eine Übersicht der verwendeten Dokumente sowie deren Inhalte.

Die Akte Honecker
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Erich Honecker auf dem Pfingsttreffen der Jugend Mai 1989

Das Buch konzentriert sich zwar überwiegend auf den politischen Werdegang des letzten Mächtigen der DDR, beginnend in Kindheit und Jugend bis hin zu seiner ersten vorläufigen Festnahme am 7. Dezember 1989 und die anschließenden Ermittlungen. Es erlaubt aber auch einen tiefen Einblick in die Machenschaften und persönlichen Feindschaften innerhalb des ehemaligen Macht-Zirkels der DDR, des so genannten Politbüros des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Wenn ich im vorangegangenen Abschnitt das Wort „Humoreske“ verwendet habe, so aus dem Grunde, weil es schon gerade zu lächerlich wirkt, in welchem Duktus sich Mitglieder dieses Gremiums zum einen in privaten Notizen über ihre „Genossen“ ausgelassen haben und wie sie zum anderen andere beim allmächtigen Führer der kommunistischen Bewegung in Moskau denunzierten. Insofern ist es für jeden Interessenten an diesem Buch empfehlenswert, auch einen Blick in die im Anhang beigefügten Dokumente zu werfen.

Feindschaften

So führte Werner Krolikowski (langjähriges Mitglied des Politbüros) über Jahre hinweg akribisch Buch über die Verfehlungen Honeckers. In einer Notiz schreibt er: „Obwohl er (Honecker) oft über die Festigkeit der vertrauensvollen Beziehungen zwischen Partei, Arbeiterklasse und Volk sprach, war die gesamte Medienpolitik, die er zusammen mit Herrmann und Schabowski betrieb, vom Gegenteil erfüllt. Er setzte wie ein Besessener auf die einseitige Erfolgspropaganda, auf Schönfärberei und Angeberei. Noch im Jahre 1989 ließ er im ND (Neues Deutschland – Zentralorgan der SED) auf Seite 1 ganz groß die DDR als eine Mikrochip-Weltmacht feiern, aber es unterblieb selbst auf Seite 7 das Eingeständnis, dass es in der DDR kaum Damenschlüpfer zu kaufen gibt. Die BRD-Zeitungen aber berichteten über die Sorgen der DDR-Frauen …“ Damenschlüpfer, mehr muss man dazu nicht sagen!

Beschwerden

9_november_tatort_buchWalter Ulbricht beschwerte sich im Dezember 1972 in einem persönlichen Brief (Seite 311 ff.) an den „lieben Freund“ Leonid (Leonid Iljitsch Breshnew, Generalsekretär der KPdSU) über das Vorgehen, besonders Honeckers, gegen seine Person. „Folgendes Unerhörte ist geschehen: Nachdem ich mich am ersten Tag der letzten Tagung unseres ZK schriftlich zu Wort gemeldet hatte, wurde eine halbe Stunde vor Beginn des zweiten Tages des ZK, am 7.12.1972, eine außerordentliche Politbürositzung einberufen, zu dem einzigen Zweck, mich zu veranlassen, die Wortmeldung zurück zu ziehen …“ Man bekommt Dinge zu lesen, die eher an ein Kaspertheater erinnern, denn daran, dass es sich hier um die höchsten Vertreter eines souveränen Staates handelte. Und wenn man bedenkt, dass diese „Kasper“ nahezu unbehelligt Macht über Leben und Tod anderer besaßen, so kommt man nicht umhin, Vergleiche zu ziehen zu einer:

Monarchie

Der begriff ist in keiner Weise übertrieben, schaut man hinter die Kulissen dieses befremdlich wirkenden Machtapparates. War erst einer mit Billigung und Unterstützung Moskaus an die Spitze des Staates aufgestiegen (als Generalsekretär der SED mit schier uneingeschränktem Einfluss auf das Geschehen in der Partei, als Vorsitzender des so genannten Staatsrates mit Allmacht über alle staatlichen Organe und als Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates mit Zugriff auf das Militär), so herrschte er wie ein absolutistischer Monarch in längst vergessenen Zeiten. Und das auf Lebenszeit, es sei denn er würde gewaltsam entfernt oder gar ermordet, wie in Monarchien der Vergangenheit nicht selten üblich (Walter Ulbricht unterzeichnete seine Abdankungsurkunde vor den Mündungen zweier auf ihn gerichteter Maschinenpistolen). Zu welcher Perversion dieses System fähig gewesen wäre, erleben wir heute in Nordkorea. Dass es im früheren Ostblock nicht soweit kam, lag allein an der Nähe zum Westen.
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Honecker

… eine Mensch ohne Emotionen, wie sich ein ehemaliger Klassenkamerad erinnerte. Geschönte Biografien, die Legende vom antifaschistischen Widerstandskämpfer, der er wenigstens so nicht war, wie er sich selbst stets darstellte, bis hin zum verknöcherten Greis, der die Welt um sich herum nicht mehr wahrzunehmen schien. Hier geht es nicht allein um rein menschliches Versagen, wie man es bisweilen auch bei anderen Politikern in den Demokratien erlebt, diese Erscheinungen waren systemisch und kennzeichnend für eine Staatsform, in der sich einige über die Köpfe der anderen erhoben und sich für unfehlbar erklärten. Der 9. November 1989 setzte dem ein jähes Ende.

Der Film

Falls Sie das Thema interessiert, Sie aber keine Leseratte sind, kann ich Ihnen nur die knapp zweistündige Dokumentation empfehlen, die auf Youtube verfügbar ist. Auch hier können Sie teils skurrile Szenen, die aus Originaldokumenten nachgestellt wurden, erleben.

In diesem Zusammenhang auch noch empfehlenswert:

Vertuschte SED-Verbrechen

vertuschte_sed-verbrechenvon Hans-Heinz Gatow mit dem Untertitel: „Eine Spur von Blut und Tränen“, erschienen im Jahre 1990.
Da steht er auf der aus Sargbrettern genagelten „Bühne“ im Konzentrationslager Sachsenhausen: Heinrich George, Deutschlands größter Schauspieler, September 1946. Über dem Lagertor wurde die „braune“ Fahne durch die rote der Kommunisten ausgetauscht.
[…] Drei Tage später, am 25.9.1946 stirbt Henrich George unter entsetzlichen Schmerzen. „Herzversagen durch Lungenentzündung“ steht in der Todesnachricht.
Franz Kurowski alias Hans-Heinz Gatow, er schrieb unter verschiedenen Pseudonymen und ist, wie der Verfasser des Vorworts, Joachim Siegerist, dem rechts-konservativen Spektrum zuzuordnen, wie auch der Türmer-Verlag, bei dem das Buch erschien. Daher erscheint es mir als geboten, darauf hinzuweisen, dass man sich, so liest man das Buch, auf die Fakten konzentrieren und Wertungen kritisch betrachten sollte.
Wenn es um Wertungen geht, ist man in jedem Falle bei Wolfgang Leonhard besser aufgehoben, der ebenfalls einen Platz in diesem Blog hat>>>


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Hätte ich jemals geahnt, dass mir so etwas passieren könnte, nie hätte ich Hausschuhe mit Filzsohlen gekauft, noch wäre ich in eine Wohnung eingezogen, mit einer Eingangstür glatt wie eine Rutschbahn und an deren Wände keine Griffe montiert sind, denkt er in seiner Not. Doch wer montiert schon Griffe an Zimmerwände?
Er kann noch denken!
Beim ersten Mal an diesem warmen Frühlingstag, als sie sich beide auszuruhen gedachten für die Rückfahrt nach München, folgte sie ihm von der Couch, wo sie vorher lange miteinander sprachen, in sein Bett. Sie könne allein nicht einschlafen, sagte sie schmollend, während sie vor seinem Bett stand, wo sie ungeduldig und voller wonniger Erwartung, die jugendliche Hitze wie ein verzehrendes Feuer in ihrem Leib, von einem Bein auf das andere trat.
Seine wunderschöne junge Frau, die er so sehr begehrte wie er nie in seinem Leben eine Frau begehrt hatte, und die ihm gleichzeitig panische Angst einjagte, er könne sie verletzen; wie er, Curd, ihr Curd, ihre erste Liebe, wie er ihr, nachdem sich ihr Wunsch erfüllte, mit liebevollen Worten erklärte ... Alle Leseproben

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