Wolfgang Leonhard – Die Revolution entlässt ihre Kinder

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Buchvorstellung – Buchtipp

Bücher, die nicht in Vergessenheit geraten dürfen

Aber Ulbricht ließ ihn nicht ausreden.
„Ich wünsche nichts mehr davon zu hören. Wir werden uns sonst auf anderer Basis unterhalten“, rief er drohend.
Bernhard Koenen schwieg. Die Drohnung hatte gewirkt…

Verlag Kiepenheuer & Witsch

Als am vergangenen Freitag, es war der 20. Januar 2017, die Bilder der Inauguration Donald Trumps über den Bildschirm flimmerten – „Welch eine plunderhafte Inszenierung“ überschrieb Welt einen Beitrag, der am Folgetag erschien – erinnerte ich mich an die monströsen Aufmärsche, die ich während verschiedener Aufenthalte in der ehemaligen Sowjetunion an Feiertagen erlebte, die an den Ruhm dieses Landes erinnern sollten. Nicht nur seit diesem zur Revolution hochstilisierten Putsch Lenins im Oktober 1917, sondern auch Huldigungen einer Geschichte Russlands, die von der Stalin-Propaganda in weiten Teilen komplett umgeschrieben wurde und die wir ebenso in den sozialistischen Schulen der ehemaligen DDR gelehrt bekamen. Aufmärsche, gegen die selbst die in der DDR zelebrierten Paraden wie die Auftritte einer Volkstanzgruppe wirkten.
Ich stand vor meinem Bücherregal und mein Blick fiel auf ein Buch von Wolfgang Leonhard, das wie kein anderes die Auswüchse beschreibt, die Diktaturen eigen und zu denen Diktatoren fähig sind.
Als ich am Folgetag den Beitrag der Welt las, „Demokratie oder Diktatur, ihre Bauten sind sich selten so ähnlich wie in Washington mit seiner breiten Aufmarschstraße, mit dem Kapitol, dem riesenhaften Obelisken, den Denkmälern, der Präsidentenresidenz – alles übergroß, aus Kalkstein und Granit: Herrscherarchitektur, die sich definiert als monströse Variation klassischer Baustile“, fühlte ich mich in meinen Gedanken des Vortages wenigstens insofern bestätigt, dass es, was die Person betrifft, die hier feierlich in ihr Amt eingeführt wurde, schon fast Entsetzen auslösende Parallelen zu den großen Inszenierungen in der sozialistischen Realität meines vergangenen Lebensumfelds gibt.
Was ist zu erwarten von einem Mann, der nun an der Spitze des reichsten und mächtigsten Staates dieser Welt steht, ein Staatswesen, das gleichzeitig die älteste und ununterbrochen funktionierende Demokratie ist und deren Verfassung Vorbilder für eine ganze Reihe von Demokratien auf dem Erdball lieferte. Muss man wieder Angst haben? Oder ist es nur die große „Show“ eines großen „Deals“, wenn der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika pöbelnd, drohend, verleumdend, hasserfüllt und gleichzeitig getrieben von einer beispiellosen Ignoranz der Realitäten von einem Podium, das sich als der Herd der Demokratie verstanden wissen möchte, der Welt seine Antrittsrede präsentiert?
Er spreche eine Sprache, die das Volk verstünde, so hört man bisweilen. Nun gut, es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn Politiker sich vornehmen, so zu sprechen, dass sie auch von Otto Normalo verstanden werden. Letzteres gilt auch und besonders hier bei uns. Aber ist Pöbelei, sind unverholene Beleidigungen wirklich die Sprache des Volkes? Oder sind sie nicht eher die Sprache der Demagogen jeglicher Coleur, die Sprache der Populisten, die sich an die niedrigsten unserer Instinkte richten und damit erst den Hass freisetzen, der ansonsten in der Breite unseres Denkens und Tuns von Vernunft unterdrückt wird.
Bleibt abzuwarten, wie es weiter geht und die Hoffnung, dass die demokratischen Institutionen in den USA stark genug sein werden, um diesem ausgebrochenen, wilden Bison mit „Chirurgengesicht“, wie Welt schreibt, Zügel anzulegen oder diesen Psychopathen gleich aus dem Amt zu jagen, sobald das zu Tage tritt, was sich hinter den markigen Auftritten verbirgt: Ideenlosigkeit und Ohnmacht…

Zumindest verführten mich die Ereignisse dazu, Wolfgang Leonhard noch einmal aus dem Regal zu nehmen und an diesem Sonntag, nach einigen Jahren, die seit dem Lesen vergangen sind, ein wenig NACH-zulesen. Eine Geschichte, die Zusammenhänge und Ursachen dafür aufzeigt, dass Diktaturen wider die Vernunft und Interessen der Menschen keine Chance haben, die Ewigkeit zu überdauern. Es war die Sprache Trumps, die mich an Zeiten erinnerte, die wir in den Jahren 1989/ 1990 überwunden hatten; der offene Applaus der Europäischen Rechten wie auch das stille Grinsen einiger Linker, die auf eine Stärkung Putins hoffen (aus welchem Grunde auch immer), die Verrohung im Umgang mit anders Denkenden macht nachdenklich darüber, ob wir erneut vor einer solchen Wende stehen, einem Schwenk in die verkehrte Richtung… Die Sprache verrät den Geist.

Klappentext: Dieses Buch, in dem Wolfgang Leonhard seine Erlebnisse und Eindrücke während seiner Ausbildung in der Sowjetunion und seiner politischen Arbeit in der sowjetischen Besatzungszone schildert, ist heute ein Klassiker der politischen Literatur und eines der großen historisch-politischen Dokumente der Gegenwart.

Leonhard war Dreizehn, als er mit seiner Mutter das nationalsozialistische Deutschalnd verlassen musste und in die Sowjetunion emigrierte. Dort wuchs er nach der Verhaftung seiner Mutter in einem sowjetischen Heim für österreichische und deutsche Emigranten auf, studierte an der Moskauer pädagogischen Hochschule für Fremdsprachen und trat dem kommunistischen Jugendverband der UdSSR bei. Er erlebte den Ausbruch des Krieges zwischen Hitlerdeutschland und der Sowjetunion in Moskau und wurde zwangsweise nach Karaganda umgesiedelt. Ein Jahr später wurde er in die Komintern-Schule einberufen, um für politische Aufgaben in Deutschland geschult zu werden. Nach Auflösung der Komintern arbeitete er im „Nationalkomitee Freies Deutschland„. Dierse Ausbildung, politisches Interesse und Aktivität führten dazu, dass Leonhard zu jenen zehn Funktionären gehörte, die unter Führung Walter Ulbrichts im April 1945 nach Deutschland entsandt wurden. Die ihm nun zugewiesenen Aufgaben brachten es mit sich, dass er nicht nur die damaligen Repräsentanten der sowjetischen Besatzungszone und der späteren DDR persönlich kennen lernte, sondern auch an internen Entscheidungen und Ereignissen der kommunistischen Partei und Administration beteiligt war. Nachdem Tito den Bruch mit Moskau vollzogen hatte, flüchtete Leonhard über Prag nach Jugoslawien (später, nach dem politischen Umbruch in Deutschland, wird er dazu feststellen, dass er der erste Prager Botschafts-Flüchtling war). 1947 wurde er „wegen trotzkistischer Tätigkeit“ aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen. Es kommt einer Rehabilitation gleich, wenn Anfang 1990 die (Ost)Berliner Zeitung sein Buch „ein einzigartiges Dokument über die Kinderjahre des Stalinismus“ nennt.

Die Revolution entlässt ihre Kinder

Funktionär im Zentralsekretariat der SED – Leseprobe

„Sonderauftrag“ Bodenreform
Eines Nachmittags ließ mich Ulbricht kommen:
„Richte deine Arbeit so ein, dass du morgen ganz frei sein kannst. Du fährst mit mir in die Provinz Brandenburg.“
Als ich am nächsten Morgen ins ZK-Haus kam, war Ulbricht schon reisefertig. Er machte mich kurz mit zwei höheren sowjetischen Wirtschaftsfunktionären bekannt:
„Wir fahren zusammen mit diesen beiden Genossen.“
Wenige Minuten später fuhren wir ab – in den beiden elegantesten Limousinen, die dem ZK zur Verfügung standen. Unterwegs erzählte mir Ulbricht kurz, worum es ging.
„Wir müssen einige Fragen des Ablieferungssolls überprüfen und die Bodenreform vorbereiten.“
In den verschiedenen Orten der Provinz Brandenburg – besonders ausführlich in Kyritz – unterhielten wir uns mit den Kommandanten, mit Bürgermeistern, mit landwirtschaftlichen Sachverständigen. Ich wunderte mich, wie genau Ulbricht über die kleinsten Einzelfragen der Ablieferungspflicht aus der Nazizeit informiert war. Noch erstaunter aber war ich, als auch die beiden sowjetischen Begleiter – die übrigens fliesend Deutsch sprachen – ihre Aktentaschen öffneten und Bündel von Formularen, Anweisungen und Dokumenten der Nazi-Ablieferungspflicht auf den Tisch legten. Besonders angeregt war die Unterhaltung mit zwei Spezialisten aus dem früheren „Reichsnährstand“. Ulbricht war genau über alle Einzelheiten informiert, eine Frage folgte der anderen, und die ehemaligen Reichsnährstandsfunktionäre antworteten kurz und knapp. Ulbricht schien ganz in seinem Element zu sein, wie immer, wenn es sich um praktisch-organisatorische Dinge handelte.
Der ganze Tag war mit Spezialverhandlungen im Telegrammstil über praktische Fragen der Ablieferungspflicht angefüllt gewesen. Die Bodenreform dagegen, die mich so brennend interessierte, war noch nicht zur Sprache gekommen. Vor der Abfahrt aus Kyritz fand die letzte kurze Besprechnung zwischen den beiden Offizieren und Ulbricht statt:
„Die Dinge liegen jetzt klar. Wir können die entsprechenden Vorschläge unterbreiten“, sagten die beiden Offiziere.
Etwa zwei Wochen nach der Verkündung der Bodenreform fand eine erweiterte Sitzung des Zentralkomitees statt, zu der auch ich eingeladen wurde.
Nach etwa zwei Stunden kam es zu einem Wortwechsel. Bernard Koenen, mein früherer Lehrer aus der Kominternschule, um diese Zeit Parteivorsitzender von Sachsen-Anhalt, hatte seinen Bericht über die Bodenreform beendet.
„Ich möchte zum Abschluss noch eine wichtige Bitte vortragen, die unmittelbar mit der Durchführung der Bodenreform zusammen hängt. In den Leuna-Werken sollen auch zwei Anlagen demontiert werden (Anm. der Redaktion: Es geht um die Demontage ostdeutscher Industrieanlagen durch die sowjetischen Besatzer im Rahmen der Kriegskontributionen), die für die Herstellung von Düngemitteln außerordentlich wichtig sind. Ich möchte die Frage stellen, ob es nicht möglich ist, darauf hinzuwirken, dass diese beiden Hallen von der Demontage ausgenommen werden.“
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„Mit Fragen der Demontage haben wir uns hier nicht zu beschäftigen“, unterbrach ihn Ulbricht.
„Aber ich möchte bloß auf die Wichtigkeit dieser Produktion für die Bodenreform hinweisen. Es sind sämtliche Vorkehrungen getroffen, dass nichts produziert werden kann, was auch nur indirekt mit der Kriegsproduktion zusammenhängt. Auf Versammlungen haben sich die Arbeiter von sich aus verpflichtet…“
„Ich habe schon gesagt, dass diese Frage nicht hierher gehört!“ sagt Ulbricht, diesmal schon mit durchdringender, scharfer Stimme.
Bernahrd Koenen ließ sich jedoch noch immer nicht abbringen:
„Das geht nicht. Wir müssen hier in dieser Frage zu einer Lösung kommen. Ich habe den Arbeitern feierlich versprochen, mich dafür einzusetzen, dass diese beiden Werkhallen, die mit Kriegsproduktion nichts zu tun haben und ausschließlich zur Düngemittelherstellung…“
Aber Ulbricht ließ ihn nicht ausreden.
„Ich wünsche nichts mehr davon zu hören. Wir werden uns sonst auf anderer Basis unterhalten“, rief er drohend.
Bernhard Koenen schwieg. Die Drohnung hatte gewirkt. Über die beiden Hallen der Leuna-Werke wurde nicht mehr gesprochen. Die Sitzung ging weiter, aber dieser Wortwechsel grub sich tief in mein Gedächtnis ein. Wie 1942 bei der Selbstkritik und dem Ausschluss des Genossen Willi aus der Kominternschule und im Mai 1954 bei dem Zusammentreffen zwischen Ulbricht und den Berliner Kommunisten, so stand ich auch diesmal auf der Seite des Funktionärs, der sich mit dem Leben der Arbeiter verbunden fühlte, und nicht auf der des Apparatschicks, der lediglich die Befehle von oben ausführte.

Wir werden uns sonst auf anderer Basis unterhalten. Die Drohung Ulbrichts bedeutete nichts anderes als das, was tausende nach dem Krieg unter der Herrschaft der sowjetischen Besatzungsmacht und ihrer deutschen Handlanger erleben mussten, Verhaftung, Verhör, Sonderlager. „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns – weil wir die wahren Antifaschisten sind, ist der, der gegen uns ist, ein Faschist.“ Wolfgang Leonard zeigt in seinem Buch, wer die wirklichen Spalter Deutschlands waren, welcher Methoden und welcher Sprache sie sich bedienten…

Sehen Sie dazu auch den Film: Das Bernsteinamulett – Ein Stück deutscher Kriegs- und Nachkriegsgeschichte in Starbesetzung mit: Muriel Baumeister, Nadeshda Brennicke, Nadja Tiller; Regie:  Gabi Kubach – nach einem Roman von Peter Prange

sowie die einzigartige Filmtrilogie: Tannbach – Schicksal eines Dorfes – Ein Stück Geschichte des Dorfes Mödlareuth. Hier eine Dokumentation, die zum Film im ZDF lief:


tannbach-schicksal-eines-dorfes-filmtippBeide Filme können Sie auch in voller Länge bei youtube sehen.

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