Weltklimastreik Erfurt 2019

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20.12.2019 – Zweitausendfünfhundert Teilnehmer

Der Erfurter Anger war selten so gut gefüllt

Wollen wir nicht alle, dass unsere Welt in hundert oder in tausend Jahren noch genau so aussieht, wie auf dem ersten Bild unten links?

Werden wir den Klimawandel aufhalten?

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Ja, würde man die Frage oben wohl beantworten, wer würde das nicht wollen? Einzig die Frage bleibt, ob das überhaupt realistisch ist. Einer der Hauptakteure in einem meiner Bücher sagt: „Wer meint, dass er die Welt in dem Zustand verlässt, in dem er sie nach seiner Geburt vorgefunden hat, der ist ein bedauernswerter Träumer. Die Welt hat sich verändert und sie wird sich weiter verändern, ob wir das wollen oder nicht …“ (Leseproben finden Sie hier>>>)
Als ich zum Weltklimastreik auf dem Anger stand an diesem Tag, im Übrigen der neue Thüringer Feiertag – Weltkindertag -, ein Gleichnis mit den Ereignissen? Als ich also auf dem Anger stand wie anschließend, als ich den Demo-Zug bis zum Bahnhof begleitete, überlegte ich, ob ich das Gesehene mit Pro oder Kontra kommentieren sollte. Nach reichlichem Hin und Her im Kopf während der Heimfahrt (mit dem Rad – mein täglicher Beitrag zum Klimaschutz), entschied ich mich zu beidem, zu Pro und zu Kontra. Dem sei erklärend vorangestellt, dass ich nicht zu den Anhängern der „Greta-Thunberg-Bewegung“ gehöre, obgleich ich weder Wähler noch Anhänger der AfD bin.
Des weiteren möchte ich, um einer möglichen Kritik vorab zu begegnen, feststellen, dass es sich hier weder um eine Reportage, noch um einen Bericht handelt sondern um eine Meinungsäußerung. Dies allein wegen des Namens der Rubrik (Reportagen), ein Leser wies mich unlängst auf Egon Erwin Kisch hin.
Werden wir also den Klimawandel aufhalten können und wie ist die Fridays for Future Bewegung zu bewerten? Auf eine Wertung des „Thunberg-Kults“ möchte ich verzichten, weil es am Wesen der Sache vorbei gehen würde.

Das Pro zuerst

Ich war zutiefst beeindruckt von der Menge an Teilnehmern, zuerst auf dem Anger, anschließend im Zug, der nicht zu enden schien. Beeindruckt von der Freude, ja, Sie lesen richtig, von der Freude, die von den Teilnehmern ausging. Begegnet man doch bei solch gesellschaftskritischen Veranstaltungen nicht selten einem entfremdenden Hass, der sich meist an der Spitze der Züge formiert. Offenbar haben sich die Veranstalter von Anbeginn an konsequent abgegrenzt, das kam auch in einer Rede eines der Organisatoren auf dem Anger zum Ausdruck, der Träger von Plakaten einer extrem linken Partei in die Schranken wies.
facebookkommentareNichtsdestoweniger wird dennoch versucht, die Bewegung zu politisieren, wie in dem Video am Ende des Beitrages sichtbar wird. Und ob es sich nun gehört, Herrn Mohring auf einem Plakat als „Lügenfresse“ zu bezeichnet, darüber lässt sich trefflich streiten. Lügner hätte dieselbe Aussage getroffen.
Dass Menschen für eine Haltung, für eine Meinung, für bestimmte Ziele demonstrieren dürfen, ist unerschütterliche Errungenschaft der Demokratie, und das ist gut so. Welcher Gefährdung allerdings diese Errungenschaft bereits ausgesetzt ist, zeigt ein regelrechter Shit-Storm den ein Facebook-Post auslöste. Ich hatte lediglich zwei Bilder ohne Wertung in eine Gruppe eingestellt, allein mit dem Satz: „Der Anger war selten so voll“, was eine ganze Reihe wütender Kommentare und „dislikes“ auslöste. Kann man so mit dem Bemühen einer nicht geringen Anzahl von Menschen umgehen, die sich Gehör verschaffen? Ich meine Nein.
Zudem aus der Schüler- und Studentenbewegung, die F4F am Anfang war, eine Bewegung wurde, die mittlerweile alle Altersgruppen umfasst, wie aus den Bildern ersichtlich. Weltweit sollen 1,4 Millionen Menschen an diesem Tag demonstriert haben. Die Forderungen, wie man aus den Redebeiträgen und von den Plakaten erfährt, sind gemäßigter geworden, als man es am Anfang der Bewegung zu hören bekam, die Bewegung wird erwachsen, möchte man meinen. Und es ist verständlich, dass Menschen sich Sorgen um ihre und die Zukunft ihrer Kinder und Kindeskinder machen und dies lautstark zum Ausdruck bringen. Leider, und da sind wir beim Kontra, weil man sie nicht hinreichend aufklärt über die Komplexität, über die Verzahnung diverser Prozesse, die diese Veränderungen herbeigeführt haben und wohl auch noch weiterhin begleiten werden. Traute sich jemand, vor der Front einer solchen Veranstaltung darüber zu reden, er würde wohl gnadenlos nieder gepfiffen werden. Man will es vielleicht gar nicht wissen, weil man sich die Ohnmacht, mit der wir Menschen den Schlägen der uns umgebenden Natur bisweilen gegenüber stehen, nicht gern zugeben möchte.

Das Kontra

Können wir den Klimawandel verhindern?

Die Frage stand bereits ganz oben, in einem anderen Kontext. Die Antwort lautet NEIN. Wir können sein Tempo beeinflussen, wir können ihn verlangsamen, doch wir werden ihn nicht verhindern. Weil wir über keinerlei Mittel verfügen, eine der Hauptursachen zu beseitigen: den rasanten Anstieg der Weltbevölkerung. Antworten liefern weder abstruse Gesellschaftsmodelle von links, noch weniger solche von rechts.
Sollten wir deshalb die Hände in den Schoß legen und so weiter machen wie bisher? Sollten wir wie das Kaninchen vor der Schlange sitzend, dem vermeintlich drohenden Weltuntergang entgegen sehen, in der Hoffnung, dass Mutter Natur uns verschont und erst die nächsten, die übernächsten oder die über übernächsten Generationen treffen wird? Die Antwort lautet ebenfalls NEIN. Man muss denen, die wir dafür gewählt haben, dass sie sich an der vorderen Front um unser Wohl kümmern, dies, wenn nötig täglich sagen, täglich einfordern, und das kann nicht laut genug sein. Ohne dabei die eigene Verantwortung zu vergessen. Wir können in unserem privaten Umfeld mehr tun, als das im Allgemeinen erkannt wird. Neulich im Supermarkt fragte ich einen Mann, der Bananen in einen dieser dünnen Plastikbeutel schob, wozu er den brauche. Das Preisschild könne man doch gerade so gut auf eine Banane kleben, weil man die Schale nicht mit esse. Er sah mich entgeistert an und schüttelte den Kopf, was er murmelte, verstand ich nicht.
Doch wie dem auch sei, eines sollten wir nicht aus den Augen verlieren: die Welt wird nicht untergehen, nicht nach fünf und auch nicht nach fünfzig Generationen. Weil die Menschheit, das lehrt uns die Geschichte, seit ihrer Existenz mit allen Katastrophen fertig wurde. Und diese Welt erlebte wahrhaftig apokalyptische Katastrophen, das bezieht sich nicht allein auf den Untergang der Dinosaurier, sondern auf Zeiten, in denen wir bereits in Häusern wohnten.
Wir sollten also unsere Kraft und unseren Erfindergeist nicht allein dafür opfern, etwas zu verhindern, das, wenigstens aus gegenwärtiger Sicht, wohl nicht in Gänze zu verhindern sein wird, sondern mindestens ebenso viel Energie dafür aufwenden, die Folgen für die Menschheit erträglich zu gestalten. Das geschieht im Übrigen bereits, ob dafür hinreichend Geld zur Verfügung steht, vermag ich nicht zu beurteilen. Man liest hin und wieder von Forschungsprojekten, die sich mit der Züchtung resistenterer Pflanzen beschäftigen, mit der Errichtung von Großanlagen, die CO 2 aus der Atmosphäre absorbieren und den abgespalteten Sauerstoff an die Atmosphäre zurück geben, während der Kohlenstoff gespeichert wird. Im Übrigen halten immer mehr Kohlenstoffverbindungen Einzug in moderne, zukunftsfähige Technologien, wie Batterien, Akkus, hoch widerstandsfähige, reißfeste Stoffe etc. Ich möchte diesen Beitrag nicht mit unnötig vielen Beispielen für laufende Forschungen überlasten, ebenso wenig damit, das Für und Wider einer schnellen europäischen Lösung zur Erreichung der Pariser Klimaziele und ob die Welt uns dabei folgen wird oder überhaupt folgen kann, zu erörtern. Dafür gibt es hinreichend Literatur für die, die es interessiert und für die, die gewillt sind, sich allseitig zu informieren und nicht an vorgefassten ideologischen Modellen festhalten.

Wir sollten aber auch daran denken, dass zum Beispiel brasilianische Bauern, die in bitterster Armut leben, mehr Wohlstand wollen, und das nicht erst für ihre Enkel. Dass es dem asiatischen Kuli, in dessen Nähe gerade eine neue Fabrik entstanden ist, die mit Strom betrieben wird, der in einem billig importierten Kohlekraftwerk erzeugt wird, weil dort die Kohle an der Oberfläche liegt; dass den der neu gewonnene Arbeitsplatz zunächst mehr interessiert als das Weltklima. Und wir sollten damit aufhören, Hysterie zu erzeugen oder dieser Vorschub zu leisten, aus rein ideologisch oder anders begründeten Geltungsgründen. Diese Gesellschaft ist bereits tief gespalten, spaltet sie nicht noch mehr. Ein Zauberwort lautet Mäßigung auf allen Seiten.
frank_c_mey_buch-und_Filmtipps

Teile der Bewegung schüren bewusst Angst

Fünf Minuten vor zwölf, Beginn der Demo, läuteten die Glocken. Geht es der Kirche wirklich allein um den Klimaschutz oder um das Aufhalten schwindender Mitgliederzahlen?
Der DGB beteiligt sich an der Bewegung Fridays for Future, Verdi und die IG Bergbau nicht. Warum wohl? Wenn in Deutschland der Bergbau eingestellt wird, hat die Gewerkschaft keine Mitglieder mehr. Und je eher dieser eingestellt wird, um so schneller kommt der Zusammenbruch. Doppelzüngigkeit innerhalb der Gewerkschaften, man achte auf den Redner im Video (DGB-Jugend).
Wir sollten diesen Kindern und Jugendlichen sagen, dass sie Vertrauen in die Kraft der Menschheit haben können und dass, hier gebe ich Herrn Lindner (FDP) durchaus Recht, sie möglicherweise wirklich nicht umfassend in der Lage sind, die Komplexität der Prozesse, denen wir ausgesetzt sind und deren historische Ursachen hinreichend zu beurteilen. Dass wir ihnen aber dankbar sind für ihre Sorge und Mithilfe, dass das eine Auge nicht erblindet. Macht weiter!
Teil des Streiktages war eine Kunstpräsentation, bei der es um die Verhinderung der Produktion von Plastikmüll ging. In ihren Schlusssätzen beschwor die Künstlerin eine düstere Zukunft, die uns bevor stünde, würden wir nicht umgehend Abhilfe schaffen. Sie hat Recht, doch mit Worten und einer Stimme, die unter die Haut ging, forderte sie immer wieder dazu auf, dafür zu sorgen, dass auch unsere Enkel und deren Kinder und Kindeskinder auf diesem Planeten leben können, dies mehrmals und mit zunehmender Dramatik. Auf dem Platz standen Kinder, vielleicht haben die ja nicht alles verstanden, vielleicht? Ist das Schüren von Angst ein probates Mittel des Protestes, zumal wenn er Kinder einbezieht?
Was mich außerdem stört ist der Spruch: „… weil IHR uns die Zukunft raubt …“ Wer bitte ist IHR? Ich fühle mich nicht angesprochen, wer noch?

In der Sahel-Zone in Afrika sind nach seriösen Schätzungen bereits fünfzig Millionen Menschen von den Folgen des Klimawandels betroffen, Tendenz steigend. Fluchtbewegungen in alle Richtungen, nicht wenige in Richtung Europa, sind die Folge. Die Situation wird nicht besser, sie wird eher schlechter. Und gerade hier findet ein erheblicher Teil des eingangs erwähnten Bevölkerungswachstums statt. Selbst wenn wir bereits in zehn Jahren in Europa klimaneutral arbeiten (oder 2035, wie das F4F verlangt), werden wir nicht in der Lage sein, diesen Menschen nachhaltig zu helfen. Wir werden sie auch nicht alle aufnehmen können, nicht in Europa, nicht in den USA und nicht in Australien, um die größten Volkswirtschaften zu nennen. Wir werden uns mit dem Gedanken abfinden müssen, dass Menschen sterben, früher als sie vielleicht unter anderen Umständen hätten sterben müssen, dass wir ohnmächtig zuschauen müssen. Auch das wird nicht zu verhindern sein, und wir brauchen Politiker, die den Mut besitzen, dies zuzugeben, mit allen Konsequenzen, die möglicherweise notwendig sind, um den eigenen Hof und den Verbündeter zu schützen. Andere haben bereits damit begonnen. Wir sollten nicht aufhören, nachzudenken …

Das „Klima-Päckchen“ der GroKo

Inzwischen verkündeten Vertreter der an der GroKo beteiligten Parteien das vollmundig angekündigte Klimapaket. Zu wenig, das sagte Bereits die Sprecherin am Freitag auf dem Anger, aus dem heraus, was man im Vorfeld mitbekam. Die Reaktionen verhalten bis wütend, fehlender Mut, keine Visionen. Man gewinnt den Eindruck, die Großkoalitionäre tasten sich wie Blinde zwischen den beiden Fronten entlang, zwischen denen, die radikale Veränderungen verlangen und denen, für die alles bleiben sollte wie wir es bislang erlebten. Die, die immer mehr Tonnen Stahl auf vier Räder packen, werden nicht bestraft, so wie die, die klimabewusster leben nicht belohnt werden. Den verteuerten Sprit werden alle bezahlen, die mit 200 PS unter der Haube genau wie die, die sich mit 50 begnügen. Erhöhung der Pendlerpauschale, Punkt. Warum nimmt man nicht denen, die die Spritsäufer fahren über die Steuer mehr Geld ab und gibt es denen, die mit einem Kleinwagen zum Arbeitsplatz pendeln, weil sie müssen, nicht weil sie es wollen.
Sie möchten gern wiedergewählt werden, welch fataler Irrtum. Die Leugner des Klimawandels wie die, für die alles bleiben soll wie es ist, werden sich weiterhin nach rechts bewegen, die Mitte wird zunehmend grüner, rechts davon irren CDU und CSU, links davon die SPD auf der Suche nach Wählern wie kopfscheu durch die politische Landschaft. „Gratulation“ für diesen großen Wurf!


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