Unstrut-Radweg von Gebesee nach Schallenburg

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Der Lückenschluss am 17.08.2017

Frank C. Mey – Reportage – Radwege in Thüringen

Im August 2015 befuhren wir den Abschnitt des Unstrut-Radweges von Schallenburg bis nach Heldrungen. Da ich die Gegend zwischen Gebesee, wo der erste Abschnitt von den Quellen bis nach Gebesee endete, und Werningshausen von früher her gut zu kennen glaubte, verzichtete ich auf diesen. Unspektakulär war die Begründung. Wenn früher jemand in Gebesee sagte, er wolle nach Werningshausen, so löste das stets die Gegenfrage aus, was er denn in diesem „Drecknest“ zu suchen habe.
Während einer Rundfahrt zum 24. Deutschen Mühlentag am 05. Juni 2017 wurde ich eines Besseren belehrt. Letzte Station war die Cuxmühle in Werningshausen. Ich war erstaunt, wie sich das Dorf und die Umgebung in den Jahren nach der Wende entwickelt haben. Also beschloss ich, den Abschnitt von Gebesee bis Schallenburg doch noch zu befahren. Und hier ist er: Der Lückenschluss am 17.08.2017.

Anfahrt über den Geraradweg

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Neue Fußgängerbrücke am Pappelstieg

Wenn man mit dem Fahrrad von Erfurt nach Gebesee fährt, gibt es nur einen Weg, den Geraradweg. Den befuhren wir bereits am 03. Juli 2015 auf zwei Routen, was die Hin- und die Rückfahrt betraf. Daher wird hier auf eine Wegbeschreibung verzichtet. Dasselbe gilt für die Anfahrt von Niedernissa bis zur Krämerbrücke, dem wohl bekanntesten Erfurter Bauwerk, wo man zweckmäßigerweise auf den Radweg einbiegt.

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Neuer Flusslauf der Gera bei Gispersleben

Doch was wäre Erfurt, gäbe es nicht doch hin und wieder etwas Neues. Die Bundesgartenschau wirft ihre Schatten voraus und die Aue der Gera im Norden Erfurts ist einer der beiden wichtigsten Bausteine des zukünftigen BUGA-Geländes. Die neue Fußgängerbrücke am Pappelstieg und die etwa zwei Kilometer weiter flussabwärts vorgenommene Neuverlegung des Flusslaufes über ein ehemaliges Industriegebiet sind bereits Boten des nahenden Großereignisses.
Und es gibt noch etwas Neues. Etwas, das im Zusammenhang mit dem Luther-Jahr steht. Sowohl auf Abschnitten des Gera-, wie auch auf dem Abschnitt des Unstrut-Radweges, den wir heute befahren, befinden wir uns auf dem Luther-Weg. Der Luther-Weg führt uns zu Stätten und durch Landschaften mit einer herausragenden Bedeutung für die Geschichte der Reformation in Deutschland.

Der Unstrut-Radweg

Gera- und Unstrut-Radweg treffen sich in Gebesee und verlaufen zwischen Gebesee und Ringleben über dieselbe Trasse. In Ringleben schwenkt der Unstrut-Radweg in östliche Richtung ab. Es geht über die schwach von Kraftfahrzeugen frequentierte Ortsverbindungsstraße zwischen Haßleben und Ringleben. Wir überqueren den „Haßleber Berg“, so nennen Einheimische die Anhöhe. Auf dem Kamm hat man einen Ausblick über das Gera-Tal bis hinüber zum Höhenzug der Fahnerschen Höhen. Das Landstück vor dem Bahnhof Ringleben erinnert mich an meine Kinderzeit. Mein Großvater war bei der Reichsbahn. Es war üblich, dass die Bahn Land, das zu den Trassen gehörte, an „Bahner“ zur Bewirtschaftung verpachtete. So entstanden endlose Kleingartenanlagen, die man heute noch an verschiedenen Bahnlinien sehen kann. Wir bewirtschafteten bis zum Tod meines Großvaters das kleine Stück. Es wurden Kartoffeln oder Rüben für die Fütterung der Schweine angebaut, die man zu Hause im Stall stehen hatte. Im sozialistischen (ost)deutschen Arbeiter- und Bauernstaat war die Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln eine der wichtigsten Planungsgrößen. Hier musste ich als Kind Rüben hacken oder Kartoffeln sammeln. Im Hintergrund der Trockenturm der ehemaligen Firma F. A. Schmidt, die sich mit dem Aufkauf und der Aufbereitung von Heilkräutern beschäftigte. Rund um Ringleben und Gebesee wurde auf Hunderten Hektar Pfefferminze und Baldrian angebaut. Man roch es meilenweit. Den Baldrian mochten besonders die Katzen.

Über den „Haßleber Berg“ hinweg erreichen wir Haßleben. Die Anhöhe ist mühelos zu überwinden. Die einzige übrigens, auf dem Abschnitt, den wir an diesem Tag befahren (abgesehen von dem Hügel zwischen Schallenburg und Alperstedt auf der Rückfahrt. Doch liegt diese nicht mehr am Radweg). Vorausgeschickt sei, dass der Radweg sehr übersichtlich ausgeschildert und durchgehend asphaltiert ist. Die Ortsdurchfahrt in Werningshausen ist stellenweise etwas holprig, was man aber sicher gern in Kauf nimmt. Wir fahren durch eine malerische Landschaft, geprägt durch eine Ried-Vegetation und die Aue der Unstrut unterhalb von Straußfurt.
Haßleben, über seine Grenzen hinaus bekannt durch das bereits im Jahre 1913 in einer Kiesgrube frei gelegte Fürstinnengrab. Es stammt aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. und wurde als „Haßlebener Kultur“ in die wissenschaftliche Nomenklatur aufgenommen. Neuere Forschungen berichten von einem Fürsten Hardrad aus Haßleben, der in einer Dokumentation als „Der letzte Thüringer“ beschrieben wird. Möglicherweise besteht eine Verwandtschaftslinie zu dem Fürstengeschlecht aus dem frei gelegten Grab.
Nach Verlassen des Ortes durchqueren wir das Naturschutzgebiet „Haßlebener Ried“, das, genau wie das sich östlich anschließende Alperstädter Ried, seltene Planzen- und Tierarten beheimatet. Bis zur Wende war ein Teil der Gegend militärisches Sperrgebiet. Hier betrieben die Russen (Verzeihung, die Rote Armee) zunächst einen illegalen Feldflughafen, von dem Einheimische und Bewohner benachbarter Orte (wie auch Gebesee) ein Liedchen singen können. Flugbetrieb Tag und Nacht und Durchbrechen der Schallmauer über den Ortschaften, was das Geschirr in den Schränken zum Klirren brachte. Es ging immer nur wenige Tage, bis Vertreter der amerikanischen Militärmission erschienen und den Abzug erzwangen. Ich erinnere mich noch gut an einen grünen Chevrolet, dessen Seitenscheiben von Gardinen bedeckt waren. Doch die „Betreiber“ erschienen nur wenige Wochen danach stets aufs Neue. Später wurden Hubschrauber aus dem nahe gelegenen Nohra nach Haßleben verlegt, und der Stützpunkt wurde „offiziell“.

Nach etwa 2,5 Kilometern erreichen wir Werningshausen. Doch bevor wir in den Ort hinein fahren, gibt es einen Abstecher zum Rückhaltebecken der Unstrut in Vehra. Hin und zurück sind das etwa 5 Kilometer Umweg.
Das Rückhaltebecken wurde zu Beginn der 60 er Jahre fertiggestellt. Es soll verhindern, dass die Dörfer unterhalb, besonders im Raum Sömmerda, bei Frühjahres-Hochwasser überflutet werden. Letzteres geschah in der Vergangenheit mehrfach. Wurde es anfangs nur im Frühjahr geflutet, besteht seit einigen Jahren hier ganzjährig ein See, auf dem sich verschiedene Wasservögel angesiedelt haben. Das Becken dient außerdem der Trinkwasserversorgung.
In Vehra lächelt uns die Kanzlerin an. Es ist schließlich Wahlkampf. Plakate anderer Parteien sind weit und breit nicht zu sehen. Wir befinden uns in einem stark konservativ geprägten Gebiet. Die CDU nimmt im Kreistag Sömmerda 45 % der Sitze ein. Welchen Parteien die Mitglieder der Gemeinschaftsversammlung angehören, ist leider aus der Webseite nicht erkennbar.
Zurück nach Werningshausen, ein Dorf mit 650 Einwohnern, das zur Verwaltungsgemeinschaft Straußfurt gehört. Den Ort durchtrennen mehrere Wasserläufe, daher der „Mühlen-Reichtum“. Es gab derer drei. Am Ortsrand mündet die Schmale Gera in die Gramme, die ihrerseits etwa 2,5 km weiter in die Unstrut mündet. Ein verschlafenes Dörfchen mit liebevoll restaurierten Häusern, dessen Wahrzeichen das Kloster St. Wigbert ist. Es handelt sich um ein ökumenisches Benediktinerkloster, in dem Brüder verschiedener Konfessionen leben. Die Kirche ist tagsüber geöffnet. Außer Montags finden täglich Stundengebete statt. Wir befinden uns auf dem Lutherweg.

Priorat St. Wigberti

Wie auf einem Schild zu lesen ist, besteht die Brüdergemeinschaft seit mehr als 40 Jahren. Bis zu zehn Brüder verschiedener Konfessionen leben hier nach den Regeln des Heiligen Benedikt.
Die Kirche, die für jeden geöffnet ist, ist sowohl Dorf- wie auch Klosterkirche. Erbaut im Jahre 1776 (Turm 1841), sollte sie Anfang der 1970 er Jahre gesprengt werden. Die Dorfbewohner wie die Brüder von St. Wigberti kamen den Plänen zuvor und renovierten die Kirche im Jahre 1973 innerhalb von nur neun Monaten in Eigenleistung.
Als ich die Kirche erreichte, traf ich auf eine größere Gruppe Radwanderer. Wie ich erfuhr, stammten sie aus Hessen.

Von Werningshausen nach Schallenburg

Wir verlassen den Ort in Richtung Osten und gelangen nach weiteren 2,5 Kilometern an die Mündung der Gramme in die Unstrut. Der Radweg folgt dem Flusslauf der Gramme. Gleichzeitig kehrt hier der Radweg an den Flusslauf der Unstrut zurück. Zur Erinnerung: Wir verließen den Lauf nach der Ortsdurchfahrt Herbsleben (Unstrut-Radweg von den Quellen bis zur Gera-Mündung). Der Radweg führt über Gebesee, Ringleben, Haßleben, Werningshausen bis zurück an den Fluss auf etwa 15 Kilometer in teils weiter Entfernung von seiner Namensgeberin). Wir durchfahren die reizvolle Unstrut-Aue bei Schallenburg, wo man Maßnahmen zur Renaturierung des Flusses auf einer Tafel nachlesen kann.
In Gebesee traf ich einen Schulfreund. Er erzählte mir von einer ehemaligen Mühle, bei der man am Herrentag schon öfter ein paar Bierchen getrunken und Bratwurst gegessen habe. An den Namen des Dorfes konnte er sich nicht erinnern. Es ist, wie ich feststellte, die ehemalige Mühle bei Wundersleben (Wunnerschlemn im Volksmund). Eine Bewohnerin bestätigte mir die Vermutung. Früher habe die Mühle an der Gramme gelegen. Nach der Flussregulierung sei der Lauf verändert worden. Die Fluss-Begradigungen in den 1970 er Jahren und die Verschmutzung ließen die Fauna und Flora sterben. Wir angelten noch in den toten Armen der Unstrut bei Schallenburg, Relikte des alten, natürlichen Flusslaufes, weil die von der „Chemie-Brühe“ verschont geblieben waren.

Auf der Rückfahrt nach Erfurt befinden wir uns auf dem Laura-Radweg. Dieser verbindet den Unstrut-Radweg von Sömmerda aus mit dem Ilmtal-Radweg in Weimar und hat eine Länge von 50 Kilometern. Die Geschichte des Radweges beruht auf der Kleinbahn Namens „Laura“, die von Weimar, vorbei am Ettersberg, über Buttelstedt bis nach Großrudestedt führte. Der Betrieb wurde 1946 eingestellt und die Gleise von den Russen demontiert. Eine zweite Strecke führte nach Rastenberg. Auf der Kleinbahn mit dem Namen „Zwecke“ fuhr ich noch als Kind von Buttstädt nach Rastenberg, wenn meine Eltern Freunde in Guthmannshausen besuchten.

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Geburtshaus Christina Rommel in Kranichborn

Auf dem Kamm einer Anhöhe passieren wir eine Wege-Kreuzung, deren linker Abzweig uns nach Kranichborn führt. Ein verschlafenes Dörfchen, das zur Gemeinde Großrudestedt und somit zur Verwaltungsgemeinschaft Gramme-Aue gehört. Es gibt keine Durchgangsstraße, nur eine gepflasterte Sackstraße von Großrudestedt her kommend.
Kranichborn ist der Geburtsort der von mir sehr verehrten Sängerin Christina Rommel. Im vergangenen Herbst gab sie ein Benefizkonzert zur Rettung der renovierungsbedürftigen Dorfkirche. Leider erfuhr ich es zu spät. Wie ich wenige Tage später erfuhr, waren über 6.000 Euro zusammengekommen.
In diesem Haus wurde Christina am 27. April 1981 geboren. Neben ihrer musikalischen Karriere arbeitete sie einige Jahre für den MDR und moderierte die Sendung „Geheimtipp“, die über 60 mal ausgestrahlt wurde. Sie engagiert sich für soziale Projekte und ist seit dem Jahre 2012 Genussbotschafterin des Freistaats Thüringen. Wenn Sie eine Kostprobe ihres musikalischen Könnens hören wollen?


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