Unstrut-Radweg 30.06.2016 – Quelle bis Geramündung

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Reportage

Radtour – Radwege in Thüringen und Sachsen-Anhalt

Das Thüringer Radwege-Netz ist eines der dichtesten und am Besten ausgebauten Netze in Deutschland (hörte ich jüngst und möchte diesen, die bereits absolvierten und noch folgenden Ausflüge für sich selbst sprechen lassen). Die Übersicht finden Sie hier>>>>> Weitere Informationen erhalten Sie ebenso beim ADFC-Thüringen. Einer der längsten Radwege ist der Unstrut-Radweg mit einer Länge von etwas mehr als 200 km (wenn man sich streng an die Strecke hält – mit den vielen nötigen Abstechern landet man schnell bei 300 und darüber). Den Mittelabschnitt von Schallenburg bis nach Heldrungen kennen wir aus dem vergangenen Jahr, heute befahren wir den ersten Abschnitt von den Quellen bis nach Gebesee. Den Abschnitt von Gebesee nach Schallenburg finden Sie hier>>>. Den letzten Abschnitt von Heldrungen bis zur Mündung in die Saale finden Sie hier>>>.

Wer den langen Weg nur in einer Richtung zurück legen möchte, kann mit den modernen Zügen der DB-Regio (im Stundentakt) von Erfurt bis nach Silberhausen fahren. Vom Bahnhof aus sind es noch knapp sechs Kilometer bis zur Quelle, von wo aus der sehr gut ausgebaute Radweg über Dingelstädt in Richtung Mühlhausen verläuft. Bis auf einen kurzen Abschnitt (weniger als ein km) ist der Radweg bis Mühlhausen asphaltiert und sehr gut ausgeschildert (Hinweisschilder an jedem Abzweig oder Gabelung). In Dingelstädt, dem Hauptort der Region, künden noch zahlreiche Aufschriften vom einstigen Glanz als ein Zentrum der Textilindustrie. Wir befinden uns am Rande des Eichsfeldes, einer katholischen Exklave inmitten der Diaspora, politisch organisiert im Eichsfeld-Kreis. Bilder und Statuen christlichen Inhalts sind hier bereits etwas seltener vorzufinden, als im Zentrum des Eichsfeldes, aber wer den Glauben der Menschen respektiert, nimmt daran keinen Anstoß. Es ist eine wunderschöne Gegend, die sich über bewaldete Hügel bis hinunter nach Mühlhausen erstreckt. Nicht weit hinter Helmsdorf verlassen wir das Eichsfeld.

Hinter Zella verlassen wir den Eichsfeld-Kreis und erreichen mit Horsmar den ersten Ort des Unstrut-Hainich-Kreises, den wir vom Nordwesten bis nach Süd-Ost völlig durchqueren werden. Von Zella bis Dachrieden verläuft der Radweg über eine asphaltierte Ortsverbindungsstraße, was sich allerdings nicht als Nachteil entpuppte. Auf der gesamten Strecke von knapp acht Kilometern begegneten mir nur drei Fahrzeuge, eines davon der Postbote.
Kurz hinter Dachrieden biegt der Radweg in ein tief eingeschnittenes Tal, das am kleinen Ort Reiser endet. Der Weg verläuft direkt am Ufer der Unstrut entlang, weniger als einen Kilometer als Waldweg, der sich jedoch sehr gut befahren lässt. Noch erscheint die Unstrut als breiter Bach.

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Als erste größere Ansiedlung erreichen wir nach etwa fünfundzwanzig Kilometern Ammern und da beide Städte zusammen wuchsen, die frühere freie Reichsstadt Mühlhausen, heute Kreisstadt des Unstrut-Hainich-Kreises.
Mit Mühlhausen fallen uns zwei bedeutende Namen der Deutschen Geschichte ein, dem einen zu Ehren steht 2017 als das Luther-Jahr auf der Agenda, der andere, Thomas Müntzer, wird in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben dürfen. Bis zur Wende trug die Stadt den Beinamen „Thomas-Münzer-Stadt“ und besonders Vertreter der Partei DIE LINKE fordern eine Rückkehr zu dieser Bezeichnung, war er doch ein Revolutionär, ein Kämpfer für die Rechte der Unterdrückten, was nicht zu leugnen ist. Trotzdem war er nicht der, zu dem er von der kommunistischen Geschichtsschreibung bisweilen verklärt wurde. Der Beginn der Aufklärung und schließlich die Entstehung des bürgerlichen Humanismus sollten noch knapp zweihundert Jahre auf sich warten lassen, daher sind die Ereignisse dieser Zeit nicht mit unseren heutigen Maßstäben zu messen. Dass die Träumer von einer kommunistischen Zukunft Müntzer zu einem der Ihren erklärten, versteht sich schon allein da heraus, dass diese Ideologie nichts anderes ist, als eine neue Religion, da sie eine Reihe von Wesensmerkmalen einer solchen in sich trägt. Näheres dazu in einem Beitrag demnächst, der sich mit neuerer Literatur zu den beiden Persönlichkeiten beschäftigen wird. Wenn Sie diesen Blog abonniert haben, erhalten Sie Nachricht.

Es lohnt sich, bleibt bei diesem langen Weg die Zeit, einen Abstecher in die Altstadt einzulegen. Der weithin sichtbare Turm der Marienkirche bietet dazu Orientierung. Das Mühlhausen eine mächtige und zugleich stark befestigte Stadt war, erkennt man bereits an den sanierten Befestigungsanlagen, wenn man in die Altstadt einkehrt. Für Besucher von außerhalb Thüringens lohnt es sich auf jeden Fall, die Fahrt in Mühlhausen zu unterbrechen und hier wenigstens einen Tag zu verbringen. Für den Abend gibt es in der Altstadt einige urige Kneipen. Unser Weg ist noch lang, und da ich Mühlhausen bereits sehr gut kenne, verlasse ich über den Ortsteil Görmar die Stadt, dem nächsten bedeutenderen Ziel entgegen, der Stadt Bad Langensalza.

In Mühlhausen öffnet sich ein breites Tal, das im Westen von einem bewaldeten Höhenzug des Hainich begrenzt wird, der kurz vor Bad Langensalza in den Nationalpark Hainich, dem größten geschlossenen Urwaldgebiet Deutschlands mit seinem berühmten Baumkronen-Pfad, mündet. Jahrzehnte lang von der Roten Armee und den Verbündeten im Warschauer Packt als Truppenübungsplatz genutzt, blieb das Gelände unberührt von jeglicher Nutzung. Die Ironie der Geschichte, jetzt holt die Natur zurück was ihr gehört. Nach Südosten hin trennen uns noch zwei Schwellen (die es zu überqueren gilt) vom Thüringer Becken.

Der Radweg verläuft kurze Zeit parallel zur B 249 und mündet nach etwa drei Kilometern in die Bollstedter Landstraße (parallel zur Straße), um kurz vor dem Dorf ein kleineres Waldstück zu umfahren. War bis hierher alles sehr gut ausgeschildert, brauchte man in Bolstedt ein wenig Fantasie, um den Anschluss zu finden. Ich verfuhr mich, landete jedoch an einem lauschigen Teich, der sich zur Rast anbot. Also danke, liebe Bollstedter, ohne Eure fehlenden Schilder hätte ich dieses wunderschöne Fleckchen wohl nie gefunden (vielleicht übersah ich ja das Schild? – Nachtrag 05.01.2017: Ich übersah es wirklich, wie mir der Bürgermeister, Herr Menge, nach einer Recherche überzeugend mitteilte) Durchfragen hilft manchmal, wenn man weiß, wohin man will. Altengottern liegt hinter einem Hügel, also fragte ich eine ältere Dame, die gerade die Straße fegte. Und siehe da, sie wusste es. „Am Schafstall vorbei, dann links…“, und es stimmte. Außerdem stand kurz hinter dem Schafstall ein Wegweiser.
Bis Altengottern zieht es sich hin, außerdem blies mir in dieser Ebene ein straffer Süd-West-Wind entgegen, der das Fahren nicht eben einfach machte. Eine weithin sichtbare, oberirdisch verlegte Leitung, die ich für die Reste einer Erdölpipeline hielt, kündete jedoch bald vom nächsten Ziel. Altengottern, nicht weit entfernt Großengottern, eine Gegend, in der, wie in einigen anderen Regionen der ehemaligen DDR, Probebohrungen nach Erdöl durchgeführt wurden. Nach einem Gasausbruch zu Beginn der 60`er Jahre kam es in der Nähe zur Explosion eines Bohrturms; die Flammen konnten wir bis in meine Heimatstadt Gebesee vom Hessenberg aus beobachten. Erdöl wurde in der DDR tatsächlich gefunden und gefördert, in Kleinstmengen, entgegen anders lautenden Behauptungen und dazu vollkommen unwirtschaftlich, es war ein Zuschussgeschäft. Aber das interessierte die Anführer der Arbeiter-und-Bauern-Republik herzlich wenig, man wollte doch unabhängig sein vom Klassenfeind, koste es, was es wolle (und nicht nur vom Feind, auch vom großen Bruder UdSSR). Am Ende war es dann doch zu teuer und der Laden brach zusammen. Eine Fehlgeburt, wie das gesamte Seytem eine solche war und dennoch, folgt man der Vernunft, sollte die Menschheit ein gerechteres System verdient haben, als das, mit dem wir es gegenwärtig zu tun haben. Hier lohnt es, doch einmal bei Karl Marx nachzulesen, der seine Zukunftsvision von einem hohen Entwicklungsstand der Produktivkräfte, wie er es bezeichnet, abhängig macht. Zwei seiner größten Nacheiferer, namentlich Lenin und Mao sahen das anders und meinten, man könne mit einem „großen Sprung“ aus frühkapitalistischen oder gar spätfeudalen Verhältnissen diesen ersehnten Kommunismus erreichen, Dass sie irrten, hat die Geschichte hinreichend bewiesen. An die Millionen Toten, die das Experiment kostete, mag man hingegen lieber nicht denken.  (Nachtrag 05.01.2017: Wie mir oben zitierter Bürgermeister mitteilte, handelt es sich bei der weiter oben genannten Leitung um eine Fördereinrichtung für Ton, da die Gegend zu den größten Tonabbaugebieten Deutschlands gehört und in drei Werken Mauer- und Dachziegel produziert werden – Asche auf mein Haupt, ungenügend recherchiert. Nach Erdöl wurde hier jedoch tatsächlich gebohrt).

Zunächst hielt ich in Altengottern Ausschau nach einer Kirche, sah jedoch nur einen gepflegten Sportplatz mit einer Nordkurve. Aber endlich, am Ortsausgang verabschiedete mich doch noch ein Kirchlein auf den Weg nach Thamsbrück, dem letzten Ort vor Bad Langensalza, wo man gerade dabei war, das alljährliche Ablass-Fest vorzubereiten. Blickte bereits vor Thamsbrück die Sonne hin und wieder durch die Wolkendecke, so riss der Himmel nun endlich auf. Durch einige Zuflüsse ist bei Bad Langensalza aus dem Flüsschen Unstrut inzwischen doch ein Fluss geworden.
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Ebenso wie der mittelalterlichen Reichsstadt Mühlhausen, gehört ein gesonderter Abschnitt der Kur- und Rosen-Stadt Bad Langensalza. Auf einem Hügel gelegen, fließt die Unstrut nördlich bei Thamsbrück an der Ansiedlung vorbei. Der Radweg führt uns jedoch durch das historische Stadtzentrum, das man, ohne Über- oder Untertreibung „Klein, aber sehr fein“ nennen darf.
Der Name der Stadt ist untrennbar verbunden mit Hermann von Salza, dem 4. Hochmeister des Deutschen Ordens, der hier im Jahre 1162 geboren sein soll.
Lohnte es sich früher (vor der Wende) nicht, die Stadt überhaupt zu besuchen (man fuhr in der Regel über eine östliche Umgehungsstraße vorbei), so erleben wir heute wie aus tristem Grau und Zerfall, wie es in der Mehrheit der Altstädte im Osten üblich war, ein regelrechtes Schmuckkästchen entstand, eine Stadt der Gärten, eine Kurstadt mit ausgedehnten Parks, eine Stadt mit liebevoll restaurierten Fachwerkhäusern, eine Stadt, die es zu besuchen lohnt. Ein paar Schnappschüsse:

Von Thamsbrück kommend – wir kürzen ein wenig ab und fahren vorbei am Böhmerteich, einem Angel-Paradies – führt uns ein Abstecher in den Botanischen Garten und mit nahezu mediterranem Flair empfängt uns später die Altstadt mit ihren sanierten mittelalterlichen Fachwerkhäusern. Das Rathaus mit einem Glockenspiel, das stets um 12 Uhr Mittags erklingt und einer Figurengruppe, die sich am Erker zeigt, erinnert ein wenig an das Altstädter Rathaus in Prag. Eine Postsäule in der Nähe weist darauf hin, dass die Stadt einst an der Europäischen Poststraße von Paris nach Moskau lag. In den zahlreichen Gärten und Parks lässt es sich ausspannen und erholen, selbst dann wenn man nicht Kurgast der am Stadtrand gelegenen Reha-Klinik ist. Man sollte sich ein wenig Zeit nehmen und vielleicht auch hier einen ganzen Tag verbringen

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Nach einem kühlen Getränk im Schatten geht es zurück ins Tal der Unstrut und weiter in Richtung Nägelstedt, hinab in die Ebene zwischen Merxleben und Nägelstedt, in der am 27. Juni 1866, also fast auf den Tag genau vor 150 Jahren eine der vielen Schlachten, die mit dem Namen des für die Deutsche Geschichte so bedeutenden Flusses, der Unstrut, verbunden ist, geschlagen wurde. Vier sollen es an der Zahl gewesen sein, in verschiedenen Epochen, aber alle von großer Bedeutung für den weiteren Geschichtsverlauf. Eine weitere am Ende dieses Beitrages, eine dritte nahe der Gera-Mündung (vermutlich) und mehr dazu, wenn wir in Kürze den unteren Abschnitt der Unstrut, von Artern bis an die Saale-Mündung befahren; durch die Kaiserpfalz, in der die Wiege des Deutschen Königtums und des Adelsgeschlechts stand, das als erstes nach den Franken die Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reiches trug.
Die Schlacht bei Langensalza im Deutschen Krieg, hier zwischen Preußen mit dem verbündeten Gotha-Coburg an der Seite und dem mit Habsburg verbündeten Königreich Hannover, ging zwar aus militärischer Sicht für Preußen verloren, aber zwei Tage später kapitulierte die Armee Hannovers aus Erschöpfung, was dazu führte, dass ganz Nord- und Mitteldeutschland unter preußische Kontrolle geriet. Nur sechs Tage später gelang Preußen bei Königgrätz der Sieg über Österreich, einem der wichtigsten Schritte auf dem Wege zur Reichseinigung fünf Jahre später. In der Schlacht bei Langensalza kam das Rote Kreuz zum ersten Mal zu einem Einsatz.
Nur wenige Kilometer entfernt, bei Thamsbrück und dem ehemaligen Kloster Homburg, fand am 9. Juni 1075 ein Treffen zwischen Rittern König Heinrichs des IV und einem vereinten thüringisch-sächsischen Heer im Rahmen des „Sachsenkrieges“ statt. Die Königlichen siegten, nicht zuletzt weil das Heer der Sachsen und Thüringer überwiegend aus Bauern bestand.

Seit Mühlhausen freue ich mich auf einen Ort, und obwohl mir bereits in Langensalza der Magen knurrte, wartete ich auf den „Unstrut-Grill“ in Nägelstedt, wo man, direkt am Wasser sitzend, gut essen und entspannend trinken kann. Keinen Alkohol bei solch langen Touren, obwohl es bis Gebesee nur noch neunzehn Kilometer sind. Zuvor passieren wir den Schiefer-Hof in Nägelstedt, früher Besitz eines ehemaligen Mitgliedes des Deutschen Ritterordens.
Nach einer längeren Pause (0,5 l Radler, Thüringer Rostbrätl auf Bauernbrot und Salatteller) geht es in einen der schönsten Abschnitte des Unstrut-Radweges hinein, in das Unstruttal zwischen Nägelstedt und Großvargula. Hier schnitt der Fluss einst eine schmale Rinne in den Buntsandstein, die an einer Seite, der westlichen, dicht bewaldet, während die gegenüberliegende, der warmen Nachmittagssonne länger ausgesetzt, überwiegend mit Trocken-Gräsern und kargen Gehölzen bewachsen ist. Eine eindrucksvolle Landschaft, die man langsam durchfahren sollte. Vom Unstrut-Grill bis Großvargula verläuft der Radweg über eine verdichtete, mit Sand geschlemmte Schotterdecke, die sich sehr gut befahren lässt. Eine der beiden, weiter oben erwähnten Schwellen, die noch vom Thüringer Becken trennen, überqueren wir zwischen Großvargula (im Ortsdialekt „Farschl“ genannten) und Herbsleben (Herbschlehmn), die zweite zwischen Herbsleben und Gebesee. Der Weg ist asphaltiert (bis Gebesee), wird allerdings (trotz ausgeschildertem Verbots) mit Kraftfahrzeugen befahren, was besonders zwischen Herbsleben und Gebesee erheblich störte. Gleichzeitig verlassen wir in Herbsleben den Unstrut-Hainich-Kreis und fahren in Richtung Gebesee in den Landkreis Sömmerda hinein.

Es ist noch kein Menschenleben her (noch lebe ich), dass sich kein Gebesee er nach Herbsleben wagen durfte, ohne Angst haben zu müssen, verprügelt zu werden. Das hat uralte Gründe, wie weiter unten beschrieben, und etwas jüngere. Angeblich erwarb Gebesee im Jahre 1638 vom völlig überschuldeten Herbsleben das Stadtrecht. Das konnten die „Säfter“, die seit eh und je über mehr Einwohner verfügen, nie wirklich verschmerzen. In umliegenden Dörfern gibt es einen Spruch: „Wenn ein Säfter etwas isst, das ihm schmeckt, murmelt er kauend – Döllscht, Döllscht (Döllstedt) -, schmneckt es ihm hingegen nicht, murmelt er – Giebsen, Giebsen (Gebesee)-. Die Gebesee`er wurden „Wisskeefer“ genannt, Weißkäufer = Diebe. Nun gut, wohl leicht übertrieben, schließlich bin ich da geboren. Aber überhaupt waren die Gebesee er im Umland weniger beliebt, warum, das wird ebenfalls weiter unten zu lesen sein. Vielleicht sind sie auch ein besonderes Völkchen, wie sonst sollte sich erklären, dass die Stadt, entgegen allen Trends, seit 1990 stabil von der FDP regiert wird. Jetzt, im Jahre 2016 mit 50 % der Stadtratsmitglieder (7), die CDU (3), die LINKE (4), die SPD kommt überhaupt nicht vor, die Rechte zum Glück ebenso wenig. Inzwischen hat sich der Hader zwischen den Orten beruhigt; der Herbsleber Spargel ist weithin bekannt und selbst in Gebesee beliebt.

Das Ende der Tour, die Mündung der Gera in die Unstrut, kennen wir bereits aus dem vergangenen Jahr vom unteren Abschnitt des Gera-Radweges von Erfurt bis zur Unstrut-Mündung. Da wir aber bei den Schlachten an der Unstrut waren, blicken wir noch über einen schmucklos und unscheinbar wirkenden Hügel nahe der Gera-Mündung – der Tretenburg – zurück ins Jahr 531, dem Jahr, in dem der mächtige Stamm der Thüringer (Toringi – Flavius Vegetius Renatus), der weite Teile des heutigen Mitteldeutschlands bis hinein nach Hessen und Bayern in seinem Königreich vereinte, von den Franken geschlagen wurde und für immer als Machtgebilde von der politischen Landkarte verschwinden sollte. Gibt es für diese erste Schlacht an der Unstrut noch verschiedene Ortsangaben, Weißensee, Burgscheidungen – keine ist wirklich belegt -, so vermuten Historiker inzwischen den Schlachtort genau hier, am Fuße der Tretenburg, nahe meiner Geburtsstadt Gebesee. Dagegen spricht, dass, wie man aus Überlieferungen und der heute noch feststellbaren Geländestruktur weiß, die Unstrut sich hier in mehrere Arme verzweigte und ein Sumpfgebiet umschloss. Nicht zuletzt daher diente der Hügel als Fluchtburg und gleichzeitig Thingplatz für die in der Umgebung siedelnden Menschen. Dafür spricht, dass der Ort Gebesee eine fränkische Ansiedlung wurde und ein Castrum Bärenstein über mehrere Jahrzehnte als Grenzstützpunkt der Franken gegen die Sachsen diente, die Gegend also für die Franken eine strategische Bedeutung besessen haben muss. Neuere Forschungen, besonders um ein Haßlebener Adelsgeschlecht herum, belegen, dass die Tretenburg auch nach der fränkischen Besetzung den umliegenden, auf „Leben“ endenden, Thüringer Dörfern (Haßleben, Ringleben, Andisleben, Walschleben, Herbsleben, Henschleben) als Versammlungsstätte diente. Man musste „einen großen Bogen um dieses verhasste und feindliche Gebisen (Gebesee/ Gebohausen – die Endung „Hausen“ deutet auf eine fränkische Gründung hin) schlagen“, so heißt es in Überlieferungen. Das mag der historisch älteste Grund dafür sein, dass die Leute aus Gebesee bis in die Neuzeit hinein weniger beliebt waren. Übrigens nicht nur bei den Herbslebenern, die Jahrhunderte später zum Großherzogtum Gotha-Coburg gehörten, während Gebesee zuerst zum Erzbistum  Mainz, später zu Preußen kam, sondern ebenso bei den Haßlebern, die in der selben Zeit Teil einer Habsburgischen Exklave waren. Ich erinnere mich noch daran, dass in Gebesee die Haßleber auch scherzhaft  „Österreicher“ nannte. Überlieferte Feindschaften bis in die jüngere Zeit hinein, gehörten doch die benachbarten Kleinstaaten in den zahlreichen Kriegen der Vergangenheit oft verschiedenen Bündnissen an. So konnte es durchaus geschehen, dass sich Gebesee`er und Haßleber oder andere plötzlich auf dem Schlachtfeld gegenüber standen.
Was besagte Schlacht an der Unstrut betrifft: wer weiß das schon so ganz genau, vielleicht erfahren wir es ja noch, wo sie wirklich stattfand. Es gibt sogar Vermutungen, sie habe nie stattgefunden, jedenfalls nicht in der vermuteten und in späteren Schriften angenommenen Härte oder im beschriebenen Ausmaß. Es gibt keinerlei schriftliche Überlieferungen. Nach dem Untergang des römischen Reiches metzelten die germanischen Eroberer zunächst alles nieder und zerstörten, was nur nach römischer Kultur roch. So auch Kirchen, Klöster und andere Einrichtungen, die in dieser Zeit Zentren der Bildung und des Schrifttums waren. Wir sprechen nicht umsonst vom „Dunklen Mittelalter“, das vom ausgehenden fünften bis zum Ende des siebten Jahrhunderts reichte. Erst als sich das Christentum unter den Germanen verbreitete und neue Klöster gegründet wurden, kehrten Bildung, das Lesen und Schreiben, an die Höfe zurück, repräsentiert überwiegend von Mönchen.
Eine Überlieferung aus jener Zeit spricht von einem wüsten Morden, das die Sachsen unter dem Thüringer Stammes-Adel anrichteten und das zur Vernichtung der Führungseliten und somit zum Untergang des Reiches führte. Man habe die Thüringer zu einem Fest-Schmaus zum Zwecke der Schließung eines Bündnisses gegen die Franken eingeladen, ohne Waffen, und sie nach Genuss reichlich Alkohols allesamt umgebracht. Vielleicht vereinen sich hier mehrere Sagen und Geschichten am Ende des Niebelungenliedes, in dem ähnliches beschrieben wird und Namen auftauchen, die zeitlich nicht immer zusammen passen. Aber die Tretenburg betreffend ist eines sicher, und hier stimmt die „Sage“: wer sich nachts in der Geisterstunde in die Nähe des Hügels begibt, der trifft auf einen spukenden Ritter ohne Kopf und auf das Schlüsselgretchen, ein Burgfräulein, das den Schlüssel zum Burgtor verlor und nun jede Nacht nach demselben sucht. Ehrlich! Ich sah die Beiden mehrmals beim Nachtangeln an der Unstrut oder an einem nahe gelegenen Torfstich. Wie soll es sich denn sonst erklären, dass es rund um den Hügel schier ein Meer an Schlüsselblumen gibt.
Dass Thüringen als bedeutende Region auf deutschem Boden und seine Eliten nie wirklich völlig verschwanden – wenn auch über Jahrhunderte von Sachsen regiert – beweist die weiter oben erwähnte Geschichte des Hardrad, Franke zwar, nach der Überlieferung, der im Bündnis mit Thüringer Adligen einen Aufstand gegen Karl den Großen anzettelte. Zweihundert Jahre später entstand die ludowingische Landgrafschaft Thüringen, zu deren bedeutendsten Wahrzeichen die Wartburg in Eisenach und die Runneburg in Weißensee gehören und die mit solch bekannten Namen wie Ludwig dem Heiligen und seiner Frau Elisabeth verbunden ist. Abgeschlossen schließlich mit der Neugründung des Landes Thüringen im Jahre 1920 und dessen Wiedergründung im Jahre 1990. In letzterem Falle im Verbund mit dem ehemaligen preußischen Regierungsbezirk Erfurt.

Der Kilometer genug, mit der morgendlichen Fahrt zum Erfurter Bahnhof und Abends zurück, sowie den gefahrenen Umwegen, zeigt der Tacho 94 Kilometer an. Ich nehme von Ringleben aus den Zug nach Erfurt und fahre das letzte Stück vom Hauptbahnhof mit dem Rad nach Hause.

Unstrut-Radweg von Gebesee nach Schallenburg – hier>>>>>

Unstrut-Radweg von Schallenburg nach Heldrungen – hier>>>>>

Unstrut-Radweg von Heldrungen bis zur Mündung in die Saale – hier>>>>>

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