Russland – Gestern – Heute – Morgen(?)

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Eine Buchvorstellung

Zwei Bücher – Ein Thema

Wer das heutige Russland verstehen will, der muss seine Geschichte kennen – die Epoche von 1891, dem Jahr der großen Hungersnot bis 1924, dem Todesjahr Lenins zeichnet Orlando Figes in seinem historischen Meisterwerk nach: Russland. Die Tragödie eines Volkes: Die Epoche der russischen Revolution 1891 bis 1924…

Manchmal kauft man sich ein Buch, oder zwei, weil das oder die Themen, die darin behandelt werden, von Interesse sind. Zuerst stellt man sie ins Regal mit dem Vorsatz: am Wochenende nimmst du es dir vor, eins nach dem anderen und plötzlich kommt etwas dazwischen und der Vorsatz gerät für den Anfang in Vergessenheit, so lange, bis man nicht mehr daran denkt. Und dann passiert etwas, das den Kauf in die Erinnerungen zurück ruft.
So ging es mir, als ich an diesem denkwürdigen 20. Januar diesen Jahres die Inthronisierung Donald Trumps im Fernsehen verfolgte und mein Blick auf Wolfgang Leonhard (Beitrag in diesem Blog) fiel, kurz darauf auf die beiden Bände nur wenige Zentimeter entfernt. Leonhard las ich bereits in den 90`ern, das oben zitierte von Orlando Figes und ein weiteres von Douglas Smith: Der letzte Tanz: Der Untergang der russischen Aristokratie noch nicht. Letzteres erschien erst im April 2016, das andere im November 2014.

Ein Stück Geschichte Russlands

Wenn man in der ehemaligen DDR aufgewachsen ist und dort, gezwungenermaßen, dem Geschichtsunterricht beiwohnte, und wenn man aber bereits seinerzeit über ein paar weitere, verlässliche Quellen verfügte, dann stellte man fest, dass es mindestens zwei Geschichten Russlands gibt oder gab. Wenn auch Voltaire einst behauptete: „Die Geschichte ist die Lüge, auf die man sich geeinigt hat…„, so mag dies wohl in seiner Zeit für die Herrschenden, die ihre Geschichte so schrieben, wie es für sie von Vorteil war, gegolten haben, für eine Zeit, in der unabhängige Wissenschaftler allein im Dienste der Wissenschaft historische Quellen auswerten, hingegen wohl nicht mehr (Irrtümer nie völlig ausgeschlossen).
Die Geschichte Russlands, die man uns lehrte, erzählte von ruhmreichen Heerführern und Zaren, besonders von denen, die das Riesenreich erschufen oder erfolgreich gegen Angreifer verteidigten. Es waren immer die „Guten“, von den anderen, den „Bösen“ hörte man weniger. Als so richtig böse wurden sie erst dann gebranntmarkt, als man Begründungen für einen der gemeinsten Morde, die die Geschichte kennt, suchte, dem Mord der Bolschewisten an der letzten Zarenfamilie, der nicht einmal Halt vor unschuldigen Kindern machte.
Die anderen „Bösen“, die, die das Reich bisweilen bedrohten, waren, neben einigen anderen, die deutschen Ordensritter, Speerspitzen des deutschen Adels bei seiner im 10./ 11. Jahrhundert angeblich einsetzenden Ostexpansion, die die „friedliebenden“ slawischen Völker überfielen, mordeten und ihrer Herrschaft zu unterwerfen gedachten. Kein Wort darüber, dass der Orden von slawischen Herzögen um Beistend gegen Angriffe baltischer Stämme gebeten und von denselben ins Land geholt wurde. Geburten stalinscher Geschichtsfälschung, die nicht einmal davor halt machte, die Keimzellen des ersten russischen Staatengebildes, der Kiever Rus, ostslawischen Siedlern zu zuschreiben. Dabei wusste man bereits während der Stalin-Zeit, dass die großen Städte an den Strömen und Flüssen bis hinunter an die Grenzen des Byzantinischen Reiches überwiegend von Wickingern gegründet wurden und als Handelsniederlassungen dienten. Aber es war sowjetischen Historikern bei Strafe untersagt, Forschungen anzustellen oder gar Publikationen darüber zu veröffentlichen. Aus Scharmüzeln wurden große Schlachten und als Sergej Eisenstein Ende der 30`er Jahre im Vorfeld der von Stalin beabsichtigten Besetzung des Baltikums den Auftrag erhielt, die angeblich große Schlacht auf dem Eise des Peipussees in einem opulenten Filmwerk zu verewigen, eine Schlacht, bei der russische und baltische Krieger angeblich gemeinsam gegen den Orden kämpften (und siegten), war dies weiter nichts als die Ansage an die baltischen Staaten: „Schaut her, ihr gehört schon immer zu uns, wir sind Brüder!“ Die Mehrheit der Historiker bezweifelt diese Mär, räumt lediglich ein wenig bedeutendes Treffen am Rande der Belagerung der Festung Pskow ein.
Wie dem auch sei, es wurden und werden immer noch Geschichten erfunden, um das eine oder andere zu rechtfertigen oder um den Menschen Entscheidungen der Regierungen schmackhaft zu machen, seien sie noch so unpopulär. Meistens kommt es heraus, jedenfalls dort, wo es unabhängigen Journalismus gibt, wie der Giftgas-Vorwurf gegen den Irak zum Beispiel zeigte. Dort, wo man hingegen an den Legenden festhält oder sie sogar noch beflügelt, gibt es Grund zur Besorgnis. Dort, wo keine freie Presse existiert, dort, wo Wissenschaftler nicht allein der Wissenschaft sondern zuerst dem Regime zu dienen haben, dort, wo man dem Volke vorgaukelt, eine Weltmacht zu sein, die diesen Anspruch allein auf die Tatsache gründet, dass man ein Nuklearpotenzial aufhäufte während die Infrastruktur des Landes und eine funktionierende Wirtschaft schlechthin auf der Strecke blieben. Es ging immer nur auf dem Rücken der Menschen und es ist erstaunlich, wie lange diese Menschen bereit sind, sich all das gefallen zu lassen. Es mag an der sprichwörtlichen russischen Seele liegen, die, wie bereits in einem anderen Beitrag hier erwähnt, kein anderer besser beschreibt als Fjodor Dostojeski in seinem Roman „Die Brüder Karamasow“

Oh, er begriff sehr wohl, dass die duldsame Seele eines einfachen Russen, geplagt von Gram und Mühsal, vor allem aber durch stete Ungerechtigkeit und eigene wie fremde Sünde, kein stärkeres Bedürfnis hatte als ein Heiligtum oder einen Heiligen zu finden, sich vor ihm niederzuwerfen und zu beten…

Ein Stück sehr ausführlich recherchierter Geschichte dieses Reiches liefert uns Orlando Figes im eingans zuerst genannten Buch:

Russland. Die Tragödie eines Volkes: Die Epoche der russischen Revolution 1891 bis 1924

Zusammen getragen aus einer Fülle von Augenzeugenberichten ergreift Figes allein Partei für die Menschen, die unter den Grausamkeiten dieser Epoche zu leben und zu leiden hatten. Der Bogen wird gespannt vom Jahr der großen Hungersnot 1891 bis hin zu Lenins Tod im Jahre 1924. Es ist die Epoche der russischen Revolutionen, nicht nur der von 1917, die nur einen Teil der großen Umwälzungen darstellt und doch deren Ende in einem brutalen und vernichtenden Bürgerkrieg markiert. Dabei hätte es nicht zwangsläufig zu einer bolschewistischen   weißgardistische-kosakenDiktatur kommen müssen, sondern der Weg dahin bot, wie Figes analysiert, eine Reihe von Möglichkeiten und Chancen für eine demokratische Entwicklung. Warum es nicht dazu kam wird ebenso beleuchte wie die Tatsache, dass der Umsturz im Jahre 1917 nicht Ergebnis des Siegeszuges dieser neuen marxistischen Ideologie war, wie es gern von späteren Verfechtern und Verkündern einer neuen, einer kommunistischen Zukunft, vertreten wurde und noch immer vertreten wird.

Bereits im Vowort schreibt der Autor:
„Dem Leser wird auch auffallen, dass die Ideologie, die in früheren Darstellungen der Revolution so häufig als bestimmender Faktor dargestellt wurde, hier teilweise als ein Aspekt der Sozial- und Kulturgeschichte gesehen wird. Wie stark auch immer Lenin und die anderen Bolschewiki von Marx`Ideen beeinflusst waren und welche Bedeutung sie selbst ihrer eigenen Version dieser Ideologie beimaßen – der Verlauf der Revolution war doch nicht so sehr durch diesen anstrakten Ideenkomplex determiniert (als ob Ideen Beine hätten und laufen könnten), als vielmehr durch die vielfältigen Formen, in denen das panzerzug-der-roten-armeeinfache Parteivolk und andere revolutionäre Gruppen der Gesellschaft sich diese Ideen angeeignet und sie dann umgesetzt haben…“

Die Tragödie eines Volkes

Figes: „Ich habe versucht, die Revolution nicht als einen Aufmarsch abstrakter gesellschaftlicher Kräfte und Ideologien vorzuführen, sondern als einen historischen Prozess, der sich aus individuellen Tragödien zusammensetzt.  Es war im großen und ganzen eine Geschichte von Menschen wie denen in diesem Buch, die mit hohen Idealen ausgezogen waren, um hehre Ziele zu erreichen, und dann feststellen mussten, dass das Ergebnis ganz anders aussah. Auch das ist ein Grund, warum ich das Buch Die Tragödie eines Volkes nenne: Denn es geht nicht nur um einen tragischen Wendepunkt in der Geschichte eines Volkes, sondern auch um die Art und Weise, wie die Tragödie der Revolution diejenigen, die sie erlebt haben, verschlungen hat…

Mit einer anderen Seite russischer Geschichte beschäftigt sich Douglas Smith`

Der letzte Tanz: Der Untergang der russischen Aristokratie

Wenn Figes seine Betrachtungen im Jahre 1924, dem Todesjahr Lenins, beendet, ist der größte Teil des alten russischen Adels bereits umgebracht oder ringt in sibirischen Straflagern mit dem Tod oder hat es, wie einige ge schafft, das Land noch rechtzeitig zu verlassen.
Wie Figes beschäftigen auch Douglas Smith vordergründig berührende Schicksale und menschliche Tragödien, die in sich dieser völlig entfesselten Zeit abspielten. An anderer Stalle dieses Blogs, in einem Artikel anlässlich des Todes eines der größten Schauspielers unserer Zeit, Omar Sharif, wird auf seine Rolle in der Verfilmung des gleichnamigen Romans Boris Leonidowitsch Pasternaks, Dr. Shiwago, eingegangen. Der Roman beschäftigt sich ebenso mit dem Schicksal einer adligen Familie im Russland während und nach der bolschewistischen Revolutio und zeigt alles andere als blutrünstige Menschen, die an weiter nichts dachten, als anderen ihre Existenzgrundlage zu rauben. Wie bereits die französische Revolution 1789, besonders während der Jacobiner-Diktatur, jeden, der ein Adelsprädikat in seinem Namen oder eine Soutane trug, zu einem Täter abstempelte, gehörten in den Augen der Bolschewiki dieselben zu den „Feinden der Revolution“, egal ob sie sich feindlich verhielten oder nicht, egal, ob sie sich in der Vergangenheit als Blutsauger oder liberale, aufgeklärte Mitglieder der Gesellschaft hervor taten. Mordbefehle wurden ohne Rücksicht auf die Person, ohne auch nur die Spur einer Untersuchung individueller Schuld, ausgefürt und machten nicht einmal Halt vor Kindern. Der Unterschied zwischen der Zeit der Französischen und der bolschewistisch angeführten Russischen Revolution bestand allerdings darin, dass über Europa zwischenzeitlich die Epoche der Aufklärung aufgezogen war, die dem Verhalten der Menschen zueinander völlig neue Regeln verordnet hatte. Insofern stellt der Massenmord an Mitgliedern der russischen Aristokratie, wie im Übrigen auch an Mitgliedern des Bürgertums, einen Rückfall in die dunkelsten Zeiten des Mittelalters dar und hat rein gar nichts mit dem von den Kommunisten propagierten Weg in eine bessere Zukunft zu tun. Wenn der Autor den russischen Revolutionär Grigori Sinowjew zu Wort kommen lässt:
„Um unsere Feinde zu besiegen, müssen wir unseren eigenen sozialistischen Militarismus entwickeln. Es gilt, 90 der 100 Millionen Russlands für unsere Sache zu gewinnen. Den Übrigen haben wir nichts zu sagen. Sie müssen vernichtet werden…“
Am Ende setzte er weiter nichts um, als das, was Lenin in seinen Dekreten vorschrieb, abgesehen davon, dass auf den Schwingen dieser so genannten proletarischen Revolution ganze Horden von Abenteurern Platz genommen hatten, denen nichts heilig war und die nichts als ihren eigenen Vorteil im Auge hatten.
Smith schreibt: „Die Zerstörung des Adels war eine der Tragödien des Landes…“
Und hier sind wir bei dem Satz, der diese beiden Bücher miteinander verbindet – Die Tragödie eines Volkes.
Mit der Vernichtung des Adels wurde ein Träger der jahrhunderte alten Kunst und Kultur ausgelöscht, wie der Autor schreibt. Ein Volk beraubt sich eines Teils seiner eigenen Identität.
Warum erwähnte ich in den eingehenden Betrachtungen gerade die Art von Geschichte, die uns in den sozialistischen Schulen der ehemaligen DDR gelehrt wurde? Genau aus diesem Grund. In den Jahren des Sozialismus in einem Teil Deutschlands wurde uns ebenfalls ein Teil unserer eigenen historischen Identität geraubt (jedenfalls war man versucht).
Ja, der Adel war blutrünstig, genau so wie er aufgeklärt und gut war, es herrschte stets beides, in allen Zeiten. Es waren eben die Zeiten, in denen Mord und Totschlag, die Tötung eines Menschen, noch als das Normalste auf dieser Welt galt. Töte ich nicht ihn, so tötet er mich! Spätestens seit der Geburtsstunde des bürgerlichen Humanismus bewerten wir das Leben eines Menschen, die Rechte der Menschen, anders, und so muss man diese „Revolution“, die in einen Massenmord ausartete (dies nicht nur in Russland sondern in zweiter Instanz in China) als unmenschlich, als ein Verbrechen an der Menscheit werten. Und die Angst, der Schrecken vor dem, was sich in Russland abspielte, trug nicht wenig dazu bei, dass im Nachkriegsdeutschland der 20`er Jahre der Weg für eine Ideologie bereitet wurde, die nicht weniger menschenfeindlich war.
Russland und der Letzte Tanz als Taschenbuch/ gebundene Ausgabe und eBook
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Warum also im Angesicht von Trump der Blick auf diese beiden Bücher?
Mir fielen seine Worte über Putin ein, ein Politiker, den er respektiere. Das machte Angst, dieselbe Angst, die seitdem im Baltikum, in Polen und der Ukraine herrscht. Länder, die Putin seiner „Spielwiese“ zugehörig wähnt. Trump spricht stets von der Politik als Deal, wird er einen solchen Deal mit Putin eingehen?
Heute, am 4. Februar erscheint das nicht mehr ganz so gefährlich, der Ton Russland gegenüber hat sich inzwischen geändert, aber wie lange bleibt das so?
Der Tragödie eines Volkes nächster Teil, dem obrigkeitshörigen Russen, der sich, wie Dostojewski schreibt, den sucht, den er anbeten kann. Ein trauriges Volk, das sogar den vergöttert, der es um Milliarden betrügt. Wie sich angestauter Groll völlig hemmungslos entladen kann, erlebte die Welt in den Folgejahren nach 1917. Damals waren es Bürgertum und Aristokratie, heute sind es die Oligarchen, der neue Adel und die Bürokratie, deren Vertreter, kommen selbst sie nur aus der zweiten oder dritten Reihe, Vermögen bei ausländischen, bevorzugt britischen Banken scheffeln. Was könnte es auslösen, wenn dieser Damm irgendwann bricht?


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