Klaus Renft zum 75. Geburtstag

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Die Bewaffnung der Nachtigall

Die Tagebücher von Klaus Renft 1968 bis 1997 – Saitenwechsel – Der Film

Der Letzte macht das Licht aus

Dieser Spruch kursierte Ende der 70` er Jahre an den Biertischen diverser Kneipen und in unzähligen Familienfeiern oder sonstigen Zusammenkünften auf dem Boden des friedlich verstorbenen Arbeiter- und Bauern-Staates namens DDR. Es war die Zeit, als der Niedergang bereits sichtbar zu werden begann.

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Honecker auf dem VIII. Parteitag der SED

Der Hype um Honecker nach dessen Machtübernahme, die großen Reden auf dem VIII. Parteitag der SED im Jahre 1972, Wohnungsbauprogramm, Verbesserung der materiellen Lebensbedingungen der Bevölkerung und schließlich die Unterzeichnung der Schlussakte von Helsinki im Jahre 1975 sorgten kurzzeitig für Hoffnung. Zur Finanzierung des ganzen Etikettenschwindels hatte man in den Jahren 1973/ 1974 die letzten noch bestehenden Privatbetriebe verstaatlicht und deren Kapital bis Ende der 70er Jahre restlos verfrühstückt. Spätestens seit dem „Öl-Schock“ Mitte der 70er, des ersten exorbitanten Preisanstiegs nach der 1. Ölkrise im Jahre 1973, zeigte die DDR-Wirtschaft besonders, wozu sie nicht in der Lage war: sich auf veränderte internationale Bedingungen einzustellen. Zudem verlangte der Große Rote Bruder im Osten plötzlich mehr Geld für sein Erdöl. Und als die Nutzung von Erdgas wirtschaftlich interessant zu werden begann, mussten die sozialistischen Bruderländer auch noch auf eigene Kosten die Erdgasleitungen nebst Infrastruktur errichten, durch die dann das Gas geleitet wurde, dass sich die Russen teuer bezahlen ließen. Genug davon. Was man nicht wirklich realisierte, wurde in der von der SED beherrschten Medienlandschaft herbei geredet. Und wehe dem, der es wagte, auch nur im Keim Kritik zu üben!

Der Aufstand der Jugend

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Oktoberklub der DDR 1967

begann bereits früher. Um Einiges früher. Die Leipziger „Beatkrawalle“ im Jahre 1965 waren das erste nennenswerte öffentliche Aufbegehren seit dem Volksaufstand im Jahre 1953. Die Jugend reagierte mit Unmut auf das Verbot zahlreicher Beat-Gruppen in der DDR. Kein Geringerer als der damalige Staats- und Parteichef, Walter Ulbricht, hatte dieses… „ewige yeah, yeah, yeah…“ als einen Auswuchs westlicher Dekadenz abgestempelt und an die DDR-Kulturschaffenden den Befehl erteilt, eine eigene Jugendkultur zu entwickeln. Ein Ergebnis dessen war der im Jahre 1966 gegründete Oktoberklub. Zugegebenermaßen gab es eine Reihe musikalisch gut gemachter Titel; nur wollte die kaum einer hören. Und: was Jugendliche lieben, das Tanzen. Nicht nur das Tanzen, nein, das wilde Tanzen! Dazu waren sie völlig ungeeignet. Ebenso wie der von der DDR-Parteiführung in Auftrag gegebene neue Tanz, der „Lipsi“, der die Beschwingtheit der sozialistischen Lebenswirklichkeit dokumentieren und zum Rohrkrepierer erster Ordnung werden sollte. Eine Mischung aus Merengue und Wiener Walzer. Die Legende besagt, dass Tanzschulen der DDR sich weigerten, ihren Schülern diesen Tanz  beizubringen, da stets die Gefahr bestand, dass man sich bei dem 35/ 16tel Takt die Beine bricht :-).
Wehe dem also, der es wagte, auch nur im Ansatz Kritik zu üben! Ein paar wagten es. Dazu gehörte  die Klaus Renft Combo. Das erneute und zugleich letzte Verbot durch die zuständige Leipziger Abteilung Kultur beim Rat des Bezirkes ließ nicht lange auf sich warten. Die Begründung lautete: „Wir sind der Meinung“, daß Sie mit Ihren Texten die Arbeiterklasse der Deutschen Demokratischen Republik beleidigen und daß Sie die Schutz- und Sicherheitsorgane diffamieren. Die Bezirkskommission hat keine Lust, sich das auch noch musikalisch untermalen zu lassen. Wir erklären damit die Gruppe Renft für nicht mehr existent.“
Es wurden mehr, die Kritiker wurden prominenter. Nicht nur auf dem Gebiet der Kultur. Hier mit bekannterem Munde, nämlich dem des westdeutschen Kommunisten namens Wolf Biermann, der im Jahre 1953, kurz vor dem Aufstand am 17. Juni in die DDR übersiedelte. Schon bald hatte er bemerkt, wohin er geraten war. Es dauerte nicht lange, bis er mit dem ersten Auftrittsverbot belegt wurde. Es war im Jahre 1963, nachdem in dem von ihm selbst gegründeten Berliner Arbeiter-Theater seine Inszenierung des Stückes Berliner Brautgang aufgeführt wurde. Es handelte vom Mauerbau. Das Stück wurde verboten und das Theater geschlossen.
Nach Biermanns Ausbürgerung im Jahre 1976 gab es eine Protestresolution, gegen deren Unterzeichner von den Staats- und Sicherheitsorganen der DDR mit Härte vorgegangen wurde. Dies führte zu einem Exodus unter Schauspielern, Musikern, Komponisten und Schriftstellern in die BRD, die dazu führte, dass die DDR ihr bis dahin ohnehin nicht sehr breites Gesicht auf dem Gebiet der Kultur endgültig verlor.

Die Band – Erinnerungen

1958 in Leipzig gegründet. Nach einem Auftrittsverbot in Buttlers umbenannt. Da letztere als eine der Auslöserinnen der Leipziger Beat-Krawalle galt, wurde sie ebenfalls verboten. Das Verbot galt bis 1967.

Revolution
Ist das Morgen schon im heute
Ist kein Bett und kein Thron
Für den Arsch zufriedner Leute
Denn sie lebt in dem Sinn
Daß der Mensch dem Menschen wert ist
Daß der Geist der Kommune
Dem Genossen Schild und Schwert ist

Als er mal ein Foto
Sah vom großen Otto
Aus Hamburg an der Reeperbahn
Schrieb dem Namensvetter
Er: Du bist mein Retter
Der mir die Freiheit kaufen kann!

Beide Texte stammen aus der Feder Gerulf Pannachs.
Zwischen Liebe und Zorn erhielt auf der III. Leistungsschau der Unterhaltungskunst der DDR 1973, im Vorfeld der X. Weltfestspiele der Jugend eine Goldmedaille. Der Text war nach dem Geschmack der Funktionäre.
Der zweite, die Rockballade vom kleinen Otto führte, wie eine Reihe weiterer kritischer Texte, zum Verbot der Band. Wer sich in der DDR erlaubte, solche Texte zu schreiben und zu veröffentlichen, der musste entweder ein Übermaß an Mut besitzen oder die Naivität zu glauben, man ließe es vielleicht durch gehen. Wahrscheinlich trifft in diesem Falle beides zu. Man war schließlich nicht mehr irgend eine Band. Man war Renft und man meinte, wenn man den Bonzen ein wenig die Bäuche pinselt, ließen sie sich ein wenig gut gemeinte Kritik gefallen. Weit gefehlt, wie man hätte wissen müssen. Bereits ein Nasenstüber genügte, um die Sicherheitsorgane, die Hüter des Glaubens auf den Plan zu rufen.

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Foto Mitteldeutsche Zeitung

Gleichzeitig zeigt das Spektrum, zu dem auf der systemfreundlichen Seite weitere Titel wie Chilenisches Metall oder Ketten werden knapper, auf der weniger freundlichen zum Beispiel das Gänselieschen gehörten, den Zwiespalt und die Zerrissenheit, unter der Künstler (und nicht nur Künstler) in der DDR allzeit zu leiden hatten. Wer etwas sagen, mitteilen oder ausdrücken wollte, der musste die volkseigenen Plattformen nutzen dürfen. Andere gab es nicht, wenn man von den wenigen mutigen Pfarrern absieht, die Widerstand unter den Dächern ihrer Kirchen zuließen.
Man wusste, dass Künstlern vorgeschrieben wurde, was sie zu schreiben oder abzubilden hatten. Der Grat war schmal, auf dem man sich bewegte. Trotz bisweilen plakativer Systemtreue galten sie als Rebellen, die Renfts. Die Band war wild, laut. Man soff, nicht nur in den Pausen. Für mich waren es die Stones der DDR, rülpsig, schräg, schroff, ungezähmt.
Klaus Renft, mit bürgerlichem Namen Klaus Jentzsch, geboren am 30. Juni 1942 in Jena/ Thüringen. In diesem Jahr würde er seinen 75. Geburtstag feiern, lebte er noch. Renft war der Geburtsname seiner Mutter, den er als Künstlernamen annahm und Zeit seines Lebens beibehielt. DER SPIEGEL schrieb über die Band: „Renft war die heißeste Rockband, die die DDR jemals hervorbrachte. Die Erstpressung des Albums „Klaus Renft Combo“ und seine alte Baßgitarre sind heute im Bonner Haus der deutschen Geschichte ausgestellt – nur ein paar Meter entfernt von Helmut Kohls Strickjacke.“
Ob Klaus Renft darüber glücklich geworden wäre, dass seine Bassgitarre in der Nähe der Strickjacke Helmut Kohls hängt, daran kann man sicher zweifeln.
Die Band starb im Jahre 1975, nach deren nunmehr letztem Verbot durch die Behörden der DDR. Die Wiederbelebung nach der Wende im Jahre 1990 führte nicht zurück zu den Erfolgen in den 60 er und 70 er Jahren. Die Zeiten hatten sich geändert. Der Gründer und Band-Chef Klaus Renft starb im Jahre 2006 an den Folgen einer Krebserkrankung.
Sie leben weiter in den vielen Songs und Beats, die nicht nur in die Glieder, sondern besonders tief in die Herzen hinein drangen. Am besten gefielen mir damals die etwas leiseren, wie „Wer die Rose ehrt“.

Weil der Text, wie andere, den Frieden besang, war der Song bei den Oberen der DDR willkommen. Es gab sogar Text und Noten im staatlichen Notenhandel der DDR. Als ich Jahre später im Kulturbund der DDR einer Laienspielgruppe, die musikalisch-literarische Programme vorführte, angehörte, war das Lied ständig im Repertoire. Selbst dann noch, nachdem Renft die DDR verlassen hatte. Vielleicht wurde es nur deshalb geduldet, weil danach stets ein passendes Friedensgedicht und als nächstes „Die Rose war rot“ von Gerry Wolff oder die „Oktoberkinder“ von Demmler folgten.
Kurt Demmler, der einen großen Teil der Texte für die Band schrieb, gehörte ebenfalls zu denen, die nicht nur das Lied derer pfiffen, die sie vermeintlich nährten. Widersprüchlich wie andere, die gar keine andere Wahl hatten, als gelegentlich das zu sagen, was man hören wollte. Nur um die Möglichkeit zu behalten, überhaupt etwas sagen zu dürfen. Als Mitglied des Oktoberklubs gehörte er dieser FDJ-Singebewegung an, die die sozialistischen Leitbilder zu vertreten und zu besingen hatte. Andererseits schrieb er kritische Texte und trug dieselben vor, was ihm mehrere Auftrittsverbote einbrachte. Im Jahre 1976 gehörte er zu den Mitunterzeichnern der Protestresolution gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns aus der DDR. Aus seiner Feder stammte das unvergessene und ebenfalls weniger staatsfreundliche Gänselieschen. Unsre LPG hat hundert Gänse und das Gänselieschen, das ist meins… Weiter im Text: Doch hinterher auf meinem Trecker, fahr ich den Traktorist und wach, dass keiner mir mein liebes Lieschen zu einem Volkseigentum macht. Das war bereits eine Verunglimpfung der sozialistischen Wirklichkeit in der DDR.
Renft – ein Teil der Geschichte der DDR. Der DDR, die inzwischen ebenfalls zur Geschichte gehört. Heute, im Jahre 2017 wissen gar nicht mehr alle von denen, die sich bereits als die „Nachgeborenen“ bezeichnen dürfen, was eine LPG war und was Volkseigentum. Er und die Band gehörten zu denen, die Hoffnungen weckten. In einer Zeit, in der man kurzzeitig tatsächlich zu hoffen begann. Zu hoffen auf ein wenig mehr Freiheit. Es sollte sich als Trugschluss erweisen und noch einige Jahre dauern, bis sie wirklich kam.

Die Tagebücher: Die Bewaffnung der Nachtigall

einladung

Beginn 20 Uhr

12.8.73: Der nicht schöpferische Mensch.
Und da er selbst keine eigenen schöpferischen Gedanken hat, kann er nur das nachvollziehen, was ihm so bildhaft oder überzeugend eingegeben wurde, dass er sich davon einen Stand(steh)punkt macht.
Er wird Althergebrachtes verteidigen und sich dem Neuen nur widerwillig beugen, wenn auch keine kleine Lücke bleibt. Oft, da das Neue sich erst entwickelt und nicht als fertiges kommt, wird er seine Macht und „Traditionen“ benutzen und eventuell bei einer Entwicklung eintretende Rückschläge für sich so verwenden, da er den Entwicklungsprozess nicht versteht und deshalb Angst vor allem Unbekannten hat.
Die sicheren Fakten und Normen wurden vom ihm nicht geschaffen, sondern nur übernommen. Eine kritische Auseinandersetzung fehlt. Er unterscheidet nur zwischen „Gut + Schlecht“ nach Vorgegebenem.
Es ist schwer, sich von seinem Standpunkt in den eines anderen zu versetzen. Wie leicht kann man mit etwas „Gutem“ den anderen etwas schlechtes tun.
Auch „Gutes tun“, „ich habe doch alles gegeben“, „bei uns hast du alles bekommen“, sind oft egoistische Handlungen. Sie warten auf die Widerspieglung, auf die Anerkennung. Sein eigenes Sich-Wohlfühlen oder das, was man glaubt, den anderen gefällt es, wird als Maß genommen und kann den Anderen zu seelischen Spannungen bringen.
Es hilft nicht, den Anderen in einen goldenen Käfig zu sperren, entweder er resigniert, gibt auf, oder er wird eines Tages ausbrechen.
Es gibt auch die feine Art Druck, mit: „Du hast es doch bei mir gut.“ Von dem, der es sagt, stimmt es bestimmt auch, bloß ist es auf die Bedürfnisse des anderen eingestellt.

„Du hast es doch bei mir immer gut gehabt.“

Ich bekam gut essen
war immer sauber gekleidet
bekam das neuste Spielzeug
und doch hat was gefehlt

Pass auf, wenn du über die Straße gehst
hast du deine Schulaufgaben gemacht
Geh nicht so viel mit den Kindern von oben
Doch niemand sagte „sieh“, sondern nur „siehste“

Und dann wurde ich doch nicht so wie alle bisher
Wollte wissen und nicht glauben
Suchte meinen Weg und das war schwer
und manchmal bin ich gestolpert, doch nur weil ich gelaufen bin.

Du hast es doch immer so gut gehabt
ich hab doch alles für dich gemacht
doch wer hätte das gedacht
Dein Weg bleibt Dein Weg.

Das schrieb der lyrische Renft, da war er einunddreißig Jahre alt. Es liest sich wie die Gedanken eines Sohnes über das Tun und die Wünsche der Eltern. Doch sind es Gedanken, die die ganze Misere des Systems umreißen, das diese Zeit in diesem Land beherrschte. Ihr habt es doch gut bei uns, wir kümmern uns um euch. Und dafür müsst ihr uns lieben. Die Kümmerer, an denen sich heutzutage noch immer ein Teil der DDR-Nostalgie aufrichtet. Selbst bei solchen, die damals nicht unbedingt zu den Freunden des Sozialismus gehörten. Die Sorgsamen, deren Sorge in Wirklichkeit stets die Angst vor dem eigenen Volke war, das man unter permanenter Kontrolle wissen wollte.
klaus-renft-comboVon Seite zu Seite begegnet uns in den Tagebüchern ein Renft, so wie man ihn wohl eher weniger auf dem Schirm hatte. Man wundert sich bei all der Lyrik, die aus dem Tagebuch spricht, dass Renft nicht selbst Texte schrieb. Ob er Demmler oder Pannach Vorlagen gab, darüber ist nichts zu lesen.
Der im allgegenwärtigen Mangel geübte DDR-Bürger Renft, der dem Leser hie und da ein Schmunzeln abringt. Über einen Aufenthalt in der Tschechoslowakei schreibt er am 17.8.73: „Abfahrt 1:00 Uhr nachts von Prag. Unsere Benzinpumpe am Polski-Fiat setzt bei Wärme aus, deshalb müssen wir in der Nacht fahren.“
Der Musiker Renft, der von sich selbst sagt, dass er nicht besonders gut Bassgitarre spielte. Der bei Auftritten der Band stets mehr im Hintergrund zu sehen war. Im August 72 schrieb er: Ob man Musik macht oder singt oder Schreibmaschine schreibt oder Kaffee serviert, es ist doch egal, womit man sein Geld verdient… Er hielt den Laden zusammen, er war der musikalische Leiter. Und als es zu bröckeln begann, war er bereit, sich zurückzuziehen.
Der politische Renft, der für den Ausgleich mit den Mächtigen war. Er wollte die Bonzen nicht schocken. Das waren eher (Kuno) Kunert und Pannach, wie sich Thomas „Monster“ Schoppe im Jahre 2005 erinnerte. Er dachte nach über die vielen Unzulänglichkeiten des Systems. Ob er es verändern oder gar bekämpfen wollte, das ist hingegen nicht zu erkennen. Dennoch, so kann man aus den Tagebüchern heraus lesen, war er kein Stiefellecker des politischen Establishments der DDR. Er war nicht wie andere, die sich mit aufgesetztem Gehorsam ein Stück mehr Freiheit am Müggelsee, in Kleinmachnow oder anderswo erschlichen und in ihren Villen heimlich und entspannt dieselben Bonzen verhöhnten. Wohl eher war er der Getriebene zwischen zwei Fronten. Zwischen den Funktionären auf der einen Seite, deren „Ja“ man benötigte, wollte man auf die volkseigenen Bühnen, und den Hitzköpfen und Fans auf der anderen, die den Spott verehrten.
Der naive Renft, der, wie andere Künstler daran zu glauben schien, das System ändern, ja vielleicht sogar „erziehen“ zu können. Die Grundlage dafür sollten die Erfolge sein und das Publikum, das die Band will und trägt.
Am 7.8.73, nach Ende der X. Weltfestspiele schreibt er in einem Eintrag: Ich bin eine Art Dolmetscher zwischen Anschauungen, Gesinnung, Möglichkeiten, mit einem gesellschaftlichen Ziel: Dieses Ziel ist meine neue Erkenntnis. Wir kommen gerade von den X. Weltfestspielen. Es war ein bedeutendes Ereignis. Am letzten Nachmittag hatten wir einen Auftritt zur Abschlussveranstaltung des Festivals des Politischen Liedes. Es hat, so glaube ich, derzeit eine neue Epoche für uns eingeleitet.
Es kam anders.
13. März 75, AbendGerulf Pannach darf nicht mehr bei uns auftreten. Es kommen viele Probleme und bestimmt noch der erwartete Höhepunkt.
Was hat die Gruppe „Renft“ derzeitig, von mir aus gesehen, für Chancen, zu existieren?

Als kontrollierte Profis sich im „Underground“ zu bewegen?
Beim Komitee „klein beizugeben“?
Eine „Machtprobe“

Jede Gefälligkeit rächt sich.
Rat des Bezirkes Leipzig: „Mit Wirkung vom 22.09.1975 gilt die Tanzmusikformation „Klaus-Renft_Combo“ als aufgelöst.
In der „Stasi-Akte heißt es: „Die Entscheidung über das Vorgehen des Rates des Bezirkes Leipzig, Abteilung Kultur, vom 22.09.1975, wurde vom 1. Sekretär der Bezirksleitung der SED Leipzig, Genossen Horst Schumann, getroffen.“
14.12.75: Meinungsvielfalt, Glaubwürdigkeit der Kunst, weg mit dem Maulkorb, dadurch kommt es zur Bewusstseinsspaltung, kurzsichtige Kulturpolitik. Wir lassen uns vor keine Karre mehr spannen, egal wie die heißen, die sich da ziehen lassen.
Am 8. Dezember 1975 schrieb er eine Eingabe an den Genossen Honecker, Generalsekretär der SED und Vorsitzender des Staatsrates der DDR, in der trügerischen Hoffnung, von dort Hilfe zu bekommen. Nach einem Zwischenbescheid vom 15.12.75, der Tagebucheintrag vom 22.12.75: Soeben kam der Zwischenbescheid auf unseren Brief vom 8. Dez. 75. Was ist das doch wieder für eine Hoffnung. Wir werden wieder als Kollektiv bezeichnet, und das vom Regierungschef, und nicht als Gruppe XY wie von Herrn Wolf.
Ich könnte auf die Straße laufen und jedem sagen: „Sehr, es ist nicht so, dass man in der DDR nur durch Arschkriechen und Maulhalten existieren kann. Ihr habt unrecht, wir haben noch eine Chance. Unser Fall wird noch einmal sorgfältig geprüft.“
Wohl nicht wissend, dass er an einer der Quellen des Übels auf einen Schluck erfrischenden Wassers wartete. Man half ihm nicht. Dann ging er, schweren Herzens.
30.05.76: Volker Seelig hat Angelika, welche nun seit einem Monat meine Frau ist, und mich mit unserem Fiat, welchen er kaufen möchte, nach Berlin zum Grenzübergang Friedrichstraße gefahren.
Es war alles ein sehr trauriger Abschied.
Die Zukunft war doch sehr ungewiss.
klaus-renft-zum-75-geburtstag-die-bewaffnung-der-nachtigallBemerkenswert ist, dass Klaus Renft bereits vor Biermann die DDR verließ. Freunde halfen ihm in West-Berlin. Es ging ihm besser als einigen anderen, die in den Folgejahren die „Saiten wechselten“. Er war Musikredakteur beim RIAS, später, bis zum Jahre 1990, Inspizient und Tonmeister am Renaissance-Theater.
Musikalisch kam er nicht wieder auf dieselben Beine, auf denen er einst stand. Die Bedingungen hatten sich verändert.
Wenn er am 7. Juli 1990, sieben Tage nach Einführung der D-Mark, in seinem Tagebuch notierte: „Die Erfolge nach 15-jährigem Verbot der Renft-Combo sind genossen, die DDR existiert nicht mehr, nach dem Suff kommt der Kater…“, so überschätzte er wohl ein wenig seinen Anteil am Gang der Geschichte. Klaus Renft nahm prägenden Einfluss auf die Rockmusik der DDR. Politisch war er, wie zahlreiche andere, einer dieser Tropfen, die in das Gebälk des Daches, des Überbaus, wie man uns in der marxistischen Philosophie lehrte, eindrangen und das Haus, dessen Fundament, dessen Basis bereits marode war, von oben her zu zermürben half. Dass es schließlich zum Einsturz kam, haben wir zu allererst Ereignissen zu verdanken, die sich auf der Weltbühne der Politik abspielten. Dass die großen Demos im Herbst 1989 nicht mehr mit Gewalt aufgelöst wurden, war bereits Wirkung, nicht aber Ursache.

Saitenwechsel – Der Film

Die ARD produzierte mit Klaus Renft in den Jahren 1976/ 77 den Film „Saitenwechsel“, der am 12.08.1977, einem Freitag, von der ARD zu bester Sendezeit – 20:15 Uhr – ausgestrahlt wurde. Im Film spielt er sich selbst.
Co-Produzent Olaf Leitner ist ebenfalls im Film zu sehen. Er verhalf Renft zu seinem ersten Job als Musikredakteur beim RIAS und später unterstützte er ihn bei der Suche nach Musikern für eine neue Band.
Bemerkenswert im Film ist ein Telefonat mit Wolf Biermann, in dem Biermann Renft vorwirft, „sich aus dem Staub gemacht zu haben“. Biermann wollte die DDR nicht verrlassen, er wurde ausgebürgert und durfte nicht zurück. Renft ging weil er es nicht mehr aushielt in der DDR.
Ich erinnere mich an die großen Demos im Herbst 1989, auf denen, neben dem Ruf: „Wir sind das Volk“, auch der Ruf: „Wir bleiben hier“, zu hören war. Honecker hatte in einer Rede gesagt, man solle doch alle, die gehen wollen, gehen lassen. Man werde ihnen keine Träne nachweinen. Doch dieses: „Wir bleiben hier“, ließ sich im Herbst 1989 leichter aussprechen als im Frühjahr 1976.
Sehen Sie hier als Ausschnitt aus dem Film das Telefonat mit Wolf Biermann:

Der Film ist eine Dokumentation, kein Spielfilm und ein wichtiges Zeitdokument. Einige Szenen, die Klaus Renft im Alltag begleiten, sind etwas langatmig gehalten. Ich habe den Film daher auf das Wesentliche gekürzt und bei youtube eingestellt.

Der Film zeigt die ersten Monate nach Renfts „Saitenwechsel“ nach West-Berlin. Ich halte Biermanns Vorwurf nur zum Teil für berechtigt. Man hätte Klaus Renft in der DDR nicht mehr auftreten lassen. Was tut jemand, für den Musik das Leben ist? Er hatte gar keine andere Wahl und fast jeder andere in seiner Situation hätte ebenso gehandelt. Dass es ihm nicht leicht fiel, erzählen seine Tagebücher.


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5 Kommentare zu "Klaus Renft zum 75. Geburtstag"

  1. Guter Beitrag, Danke! Ich war der Meinung, dass in dieser Doku auch das Stück „Oh Hofmusikant“ zu hören war, gesungen von Christiane Ufholz. Ist das in den rausgenommenen Teilen enthalten?

    • Das kann sein, da müsste ich mal in das Original hineinschauen. Es gibt im Originalfilm ein paar etwas „langatmige“ Passagen, die ich herausgeschnitten habe. Z. B. den Aufenthalt in Griechenland und einige Aufnahmen vom Alltag in der RIAS-Redaktion. Da liefen allerdings definitiv keine Titel im Hintergrund. Ich meine, dass ich alles an Musik darin belassen hatte.
      Herzliche Grüße

  2. Dirk-Peter Barczyk | 1. August 2017 um 17:48 | Antworten

    Er wollte es allen recht machen u.ist hier u.da gescheitert! Auf der anderen Seite bewundere ich den Mut, von Kuno, Monster u.Pannach dass sie sich nicht Mund verbieten lassen haben u.die Sache mit allen Konsequenzen durchgezogen haben! Man stelle sich vor, wenn Leute wie die Klaus Renft Combo u. Biermann nicht den Finger in die Wunde gelegt hätten, hätte es damals in Sachen Kultur u.Rockmusik in der DDR ganz schön düster ausgesehen!
    Andere Künstler natürlich mit einbezogen!

    • Hallo und danke für den Beitrag. Ich denke, auch Klaus hatte Mut. Er war ja am Ende für alles verantwortlich. Was dazu gehörte, dem Regime die Stirn zu bieten, das kann nur wirklich der beurteilen, der es miterlebt hat. Ich kann da mehrere Liedchen pfeifen… In diesem Sinne

  3. Danke für den Beitrag. So lange ist er schon tot? Herr Gott, wie die Zeit vergeht. Er war einer der Größten

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