Geraradweg von Erfurt bis Unstrut-Mündung

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Reportage – 03.07.2015

Radtour – Die schönsten Radwege in Thüringen

Nicht nur das gute, alte Erfurt hat, innerhalb der Stadtgrenzen wie im näheren Umland, einiges zu bieten. Es lohnt sich, auf sehr gut ausgebauten Radwegen, die nähere Umgebung zu ergründen. Am 3. Juli war das der nördliche Teil des Gera-Radweges bis an sein Ende, der Mündung der Gera in die Unstrut, an der mein Geburtsstädtchen Gebesee liegt. Die Tour beginnt bei angenehmen 30 Grad Celsius im Schatten. Den Südabschnitt von den Quellen bis nach Erfurt finden Sie hier>>>>>

Nach etwa 10 km vom Wohnort aus biegen wir an der Krämerbrücke (siehe auch Krämerbrückenfest) auf den Gera-Radweg ein und folgen dem Flusslauf in Richtung Norden. Wenn das Frühstück nicht erst eine knappe Stunde zurück gelegen hätte, wäre hier in einladenden Restaurants und Cafes die erste Rast fällig gewesen. Vorbei an uralten restaurierten Fachwerkhäusern passieren wir mit dem Comthurhof eines der markantesten Gebäude in diesem Teil der Erfurter Altstadt. Bereits im Jahre 1251 gehörte das Grundstück dem Deutschen Orden und diente als Verwaltungssitz und Wirtschaftshof. Der prächtige Renaissancebau, so wie wir ihn heute noch vorfinden, entstand im Jahre 1573. Nur wenige Meter weiter in der Augustinerstraße, die wir lediglich überqueren und daher nicht direkt an unserer Strecke liegend, aber in jedem Falle besuchenswert, das ab dem Jahre 1277 erbaute Augustinerkloster. Hier lebte und wirkte zwischen 1505 und 1512 Martin Luther als Mönch, der diesen Entschluss, Mönch zu werden, auf seinem Wege von Mansfeld nach Erfurt fasste, nachdem ihn nur wenige Kilometer vor Erfurt ein Gewitter überraschte und er einen in der Nähe einschlagenden Blitz überlebte. Den zum Gedenken errichteten „Luther-Stein“ passieren wir während der Anfahrt zum Mittelabschnitt des Unstrut-Radweges.

Mitten in der Stadt gibt es grüne Oasen, die nicht nur zum Pick-Nick einladen. Im glasklaren Wasser der Gera darf man ruhig ein kurzes Bad nehmen oder wenigstens die Füße kühlen. Da wir uns gerade am Start der Tour befinden, besteht dazu noch kein Bedarf. Hier im Venedig treffen Neubau und Altstadt aufeinander. Wäre die Wende nicht gekommen, stünden jetzt dort, wo alte Fachwerkhäuser liebevoll und aufwendig saniert wurden, dieselben Plattenbauten, wie sie hier am Rande des Venedigs bereits zu sehen sind.

Vom Venedig aus gelangen wir nach etwa einem km in den Nordpark mit dem vor wenigen Jahren rekonstruierten Nordbad und von da aus in die Gera-Aue. Der Verlauf der Gera am Rande eines Neubaugebietes wird Flächenbestandteil der Bundesgartenschau. Alte Baumriesen, an deren Resten sich noch ganze Generationen von Insekten erfreuen werden, müssen Neupflanzungen weichen. Das Gelände wird großflächig saniert. Das Gera-Wehr bei Gispersleben wird in dieser hier aufgenommenen Form in wenigen Monaten verschwinden. Nach dem vollständigen Abriss des alten Kraftwerks wird der Fluss in mehreren kleinen Stufen über das ehemalige Kraftwerksgelände geleitet. Das alte Wehr wird komplett abgerissen. Die Bauarbeiten sollen 2016 beginnen.

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Ich habe mich entschieden, in Gispersleben den Geraradweg zu verlassen und bis zum Ziel entlang der alten B 4 zu fahren. Hier verlaufen ebenfalls gut ausgebaute Radwege parallel zur Straße. Den Geraradweg in diesem Bereich nutzen wir dann für die Rückfahrt.

Kirchtürme waren früher, wie die Leuchttürme an der Küste, Orientierungspunkte für Reisende. Man sagt, an der Größe der Kirchen erkenne man, wie reich oder wie arm ein Dorf gewesen sein muss. Dann war Elxleben sicher ein armes Dorf. In Walschleben blühen gerade die Linden, ein betörender Duft. Im Lindenhof gab es früher regelmäßig Jugendtanz, der von den Gebesee`ern gern besucht und danach so manche Braut entführt wurde. Im Biergarten des Gasthofs „Schäler“ war dann Zeit für die Mittagspause (Informationen zur „Schwellenburg“ bei Kühnhausen).

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In Walschleben verlassen wir den üblichen Kurs und bewegen uns entlang der Grenze zum „Gothschen“, wie es im hiesigen Dialekt genannt wird, der Grenze zum Landkreis Gotha, früher zum Kurfürstentum „Gotha-Coburg“ gehörend, aus dem die englische Königsdynastie entstammt, die bis zum Ersten Weltkrieg noch denselben Namen trug. Wir nutzen nun ein kurzes Stück des Unstrutradweges, in den der Geraradweg in der Nähe der Mündung einschwenkt. Wir befinden uns noch auf einem Gebiet, das Jahrhunderte lang zu den Besitzungen des Klosters Fulda zählte, dessen Mönche in dieser Gegend die Heiden bekehrten, später zum Erzbistum Mainz kam und seit 1815, nach dem Wiener Kongress, bis zur Übernahme der Macht durch die Nazis zu Preußen gehörte. Zwischenzeitlich, nach der Napoleonischen Eroberung und dem Zerfall des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation 1806, war es Teil der Staatsdomäne Erfurt und somit persönlicher Besitz des Franzosen-Kaisers.  Erfurt und Umgebung blieben selbst während der Weimarer Republik als eigenständiger Regierungsbezirk preußische Exklave und kamen erst nach der Wende 1990 zum neuen Land Thüringen. Daher entbrannte 1990 ein Streit zwischen Erfurt und Weimar, als es um die Frage ging, wer Landeshauptstadt werden sollte.

Zunächst umfahren wir Gebesee und kreuzen auf dem „Hessenberg“ den Unstrutradweg, der hier, von Herbsleben kommend über Gebesee in Richtung Sömmerda weiterführt. Am „Wassertürmchen“, das Gebesee über lange Jahre allein mit Trinkwasser versorgte, ließen wir als Kinder früher die Drachen steigen. In der Gebesee`er Siedlung siedelten sich nach dem Ersten Weltkrieg überwiegend Flüchtlinge aus Westpreußen an, die sich vor dem Terror polnischer Freischärler in Sicherheit bringen mussten. Davon wird in meinem nächsten Roman zu lesen sein.

Seit der Wende werden in der Gebeseeer Flur großflächig Erdbeeren angebaut. Ein rumänischer Erdbeerpflücker, der ein wenig Deutsch sprach, versicherte mir, es ginge ihnen hier sehr gut, man verdiene „gutes Geld“ und werde sehr gut behandelt.
Schließlich erreichen wir die Unstrut, die sich im Laufe der Jahre seit der Wende teils selbst, teils mit Hilfe des örtlichen Angelvereins renaturierte. In den 80er Jahren war hier, nach 40 Jahren kommunistischer Misswirtschaft, kein Fisch mehr zu finden. Inzwischen gibt es sogar wieder Flusskrebse. Man erzählt sich, es gäbe ein Gedicht von Goethe, der hin und wieder von Weimar kommend,  auf dem Wege in die Solbäder Langensalzas, über Gebesee gefahren sein soll.

Das schönste Städtchen in Thüringen ist, dort wo die Gera zur Unstrut fließt….

Ob Goethe dies wirklich geschrieben hat, ist hingegen nicht verbürgt, aber er könnte durchaus Recht haben, schaut man sich die Gegend etwas genauer an.
Nach einer Rast an der Mündung  kehren wir auf den Geraradweg zurück und befahren ihn entgegen der Fließrichtung zurück nach Erfurt. Zuvor statten wir Gebesee einen kurzen Besuch ab, nebst Erneuerung des Getränkebestands. Das Thermometer ist inzwischen auf freundliche und sehr schwüle 34 Grad geklettert, fast eine Herausforderung. Den Südabschnitt des Geraradweges von den Quellen bis nach Erfurt finden Sie hier>>>>>

Wenn wir vorhin von dem Rückschluss aus der Größe der Kirchen auf den Reichtum einer Gemeinde schrieben, dann muss Gebesee reich gewesen sein. Hier gibt es zwei davon, die romanische (kleinere) Katharinenkirche sowie die gotische St. Laurentius, und es gab noch eine Dritte, die, aus Holz, auf einem nahe gelegenen Hügel, dem Klausberg, erbaut war und im Mittelalter niederbrannte. Aber es gibt derzeit auch noch eine dritte Kirche, eher ein Gebetshaus, von den Einheimischen als katholische Kirche bezeichnet. Bei den hier ansässigen Katholiken handelt es sich fast ausnahmslos um Vertriebene nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, die hier eine neue Heimat fanden. Von manchem abfällig als „die Evakuierten“ bezeichnet. Wenn wir heute händeringend nach den Wurzeln einer erneut erstarkenden Fremdenfeindlichkeit suchen, so sehen wir an diesem Beispiel, dass selbst Deutsche nich überall und von allen willkommen geheißen wurden.

Aber Gebesee hob sich immer ein wenig von den umgebenden Dörfern ab, da es eine fränkische Ansiedlung inmitten thüringischer Dörfer war, die man an den Endungen „leben“ erkennen kann (siehe Übersichtskarte). Für die FDP müsste Gebesee sogar Wallfahrtsort werden, da hier seit der Wende die FDP mit absoluter Mehrheit den Stadtrat dominiert. Ein prominentes Mitglied wurde vor wenigen Tagen ermordet, tragisch….. Mehr über Gebesee bekommen wir im ersten Abschnitt des Unstrut-Radweges, von den Quellen bis zur Gera-Mündung, zu lesen.

Das Schloss, jetzt im Besitz der „Erdbeer GmbH“, war im frühen Mittelalter als Castrum Bärenstein eine fränkische Grenzgarnison zum benachbarten Sachsen, als es das Reich der „Toringi“ bereits nicht mehr gab. Ob es 531 in der Schlacht an der Unstrut, von der man immer noch nicht sicher ist, ob es sie je gegeben hat, oder nach einem in der Sage berichteten Gemetzel der Sachsen an unbewaffneten Thüringer Stammesadligen, untergegangen ist, weiß man nicht so ganz genau. Lediglich der Untergang ist verbürgt. Das Schloss war bis zur Abschaffung der Monarchie zuletzt im Besitz der preußischen Adelsfamilie von Brinken, danach ein Schullandheim der Hermann-Lietz-Stiftung,  nach dem Krieg  wurde es Jugendwerkhof. Nach der Wende ging das Anwesen in den Besitz der Herman-Lietz-Stiftung zurück und wurde als Sonderschule mit Berufsausbildung, später als anerkannte staatliche Berufsschule genutzt. Bis es dann, nach verschiedenen mehr oder weniger erfolgreichen Betreiberkonzepten im Jahre 2008 von den Inhabern des vorgenannten Erdbeerhofes erworben wurde. Unter der Werbung „Urlaub im Schloss“ kann man hier seit 2011 Ferienwohnungen buchen.
Eine Tochter der bekannten Bauernfamilie Kerst, die bereits seit Generationen in Gebesee Landwirtschaft betrieb, richtete den Hof nach 1990 neu ein und spezialisierte sich, unterstützt von ihrem aus dem Westen stammenden Ehemann, der den Namen „Leefers“ (und, wie man hören kann, auch etwas Startkapital) einbrachte, später auf den Anbau von Erdbeeren. Wie wir weiter oben lesen konnten, werden die Erntearbeiten hauptsächlich von Gastarbeitern aus dem Osten und Süd-Osten geleistet. Nicht selten sind sehr attraktive junge Frauen dabei, und wie man im Städtchen munkelt, soll wohl der ehemalige Hausherr mit einer jungen Rumänin durchgebrannt sein. Aber Gerüchte (!), wer glaubt schon an so etwas???

Über Ringleben treten wir den Rückweg nach Erfurt an (Hier zweigt der Unstrut-Radweg ab, den wir später befahren). Man könnte von hier aus mit dem Zug zurück fahren, aber da wir den Gera-Radweg in Gispersleben verließen, steht noch ein ganzes Stück für die Befahrung offen.
Nun mag die Frage aufkommen, warum die Stadt Gebesee über keinen Bahnhof verfügt, dafür aber das Dörfchen Ringleben. Es gibt zwei Erklärungen: die erste diente den Ringlebern gern dazu, die „Städter“ aus dem benachbarten Gebesee zu verspotten. Man behauptete, einige Gebeseeer Großbauern seien seinerzeit nicht bereit gewesen, Land an die Eisenbahngesellschaft zu verkaufen. Daher baute man den Schienenstrang in einem Bogen um die Flur der Stadt herum. Die Wahrheit erschlißt sich wohl eher, wirft man einen Blick auf die Landkarte. Verläuft die Bahnlinie, von Erfurt her kommend bis Walschleben, in Richtung Nord-Westen, schwenkt dieselbe von dort aus nahezu geradlienig nach Nord-Osten in Richtung Straußfurt ab. Um Gebesee anzuschließen, wäre ein solcher Bogen nötig gewesen und man hätte obendrein die Gera zweimal überqueren müssen. Hier werden wohl die Kosten eine dominierende Rolle gespielt haben. Außerdem verfügte Gebesee über keinerlei Industrie und war eine reine Ackerbauernstadt, von einigen kleineren Handwerksbetrieben abgesehen. In Walschleben und Straußfurt hingegen enstanden während der Bauzeit der Bahn Ende der 60er Jahre des 19. Jahrhunderts erste Zentren für die Verarbeitung der im Thüringer Becken sehr gut gedeihenden Zuckerrüben zu Weißzucker.
Nicht Bahn sondern Rad ist also das angesagte Verkehrsmittel.
Der Radweg verläuft als asphaltierter, etwa 1 Meter breiter, Pfad auf der westlichen Dammkrone des Geradeiches bis kurz vor Walschleben. Der „Ger-Damm“, so nannten wir ihn früher in unserem Dialekt, der alles abkürzte, was abzukürzen ging und der, wie uns ein Deutschlehrer an der Oberschule klar machte, gar kein Dialekt war, sondern Maulfaulheit.

Dass die Gera den Namen „Wild“ verdient, davon können Anwohner aus mehreren Hochwassern heraus ein „Liedchen singen“. In Walschleben entfernt sich der Radweg von der Gera und führt bis Elxleben über einen ausgebauten Feldweg. Man kann jedoch einen gut geschotterten Weg neben dem Deich bis Elxleben ebenso gut nutzen. In Elxleben wechselt der Radweg über die Brücke an das östliche Ufer bis Kühnhausen, von da aus über eine geschotterte Piste zurück in die Gera-Aue nach Gispersleben, wo wir für unsere Tour am Vormittag den Radweg verließen. Die letzten 10 km begleitete uns ein Gewitter, das jedoch noch weit genug entfernt war und in Dachwig, wie am Abend in den Nachrichten gemeldet, erhebliche Schäden verursachte. Der Tacho zeigt, nach einigen Umwegen 78 km….. Den Südabschnitt von den Quellen bis nach Erfurt finden Sie hier>>>>>

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