Buchtipp – Marina Abramovic – Durch Mauern gehen

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Autobiografie – zum 70. Geburtstag

Der weltweit bekanntesten Performance-Künstlerin (auch als eBook)

Im Jahr 2010 strömten tausende Besucher ins MoMA, um einer Frau dabei zuzusehen, wie sie einfach nur auf einem Stuhl saß. Diese Frau war Marina Abramović. Ihre Performance „The Artist is present“…

Luchterhand Literaturverlag

Marina Abramović , 1946 in Belgrad geboren, ist eine der schillerndsten Künstlerpersönlichkeiten unserer Zeit. Ihre Werke sind in weltberühmten Museen zu sehen, in der Tate Modern, im Guggenheim Museum, im Centre Pompidou und im Hamburger Bahnhof in Berlin. Zu Beginn ihrer Karriere machte sie mit radikalen Performances auf sich aufmerksam. 1997 wurde sie auf der Biennale 1997 mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Ihre jüngsten Arbeiten waren sensationelle Erfolge: 850.000 Menschen besuchten 2010 allein ihre Performance „The Artist is Present“ im New Yorker MoMA. Drei Monate lang saß die Künstlerin auf einem Stuhl, schaute ihrem Gegenüber in die Augen und schwieg. Marina Abramović ist u. a. Gastprofessorin an der Hochschule der Künste in Berlin. Sie lebt in New York (Amazon).

Pünktlich zu ihrem 70. Geburtstag erscheint ihre Autobiografie – Durch Mauern gehen – Durch Mauern ist sie in ihrem Leben gegangen, eine mutige Frau, der nichts abträglicher ist, als Konventionen. In einem Interview mit dem Tagesspiegel anlässlich ihres 70. Geburtstages sagt sie : „Mit 70 muss man den Bullshit reduzieren…“, man müsse sich darüber im Klaren sein, dass man dem Tod jeden Tag ein Stück näher rückt.

In aller Kürze und doch treffend umreißt eine Leser-Rezension Buch und Leben dieser Ausnahmekünstlerin: Im Jahr 2010 strömten tausende Besucher ins MoMA, um einer Frau dabei zuzusehen, wie sie einfach nur auf einem Stuhl saß. Diese Frau war Marina Abramović. Ihre Performance „The Artist is present“, in der sie nichts anderes tat, als acht Stunden täglich da zu sitzen und die Menschen anzuschauen, war der absolute Höhepunkt ihrer Künstlerkarriere. Aber wer ist die Frau, die sich selbst im Museum ausstellt? Die sich Pentagramme in die Bauchdecke ritzt und 90 Tage über die Chinesische Mauer wanderte? In ihren Memoiren macht sich die Künstlerin genauso nackig wie auf der Bühne und bleibt doch unergründlich.

Sehen Sie hier einen Ausschnitt der oben erwähnten Performance im New Yorker Museum of Modern Art (MoMA)

Im selben Jahr, in dem „The Artist is present“ weltweit Schlagzeilen macht, reist Abramović in den brasilianischen Dschungel, um ein Schamanen-Paar aufzusuchen, das sie von ihrem gebrochenen Herzen heilen soll. Ihr Ehemann, der Bildhauer Paolo Canevari, hatte sie für eine Sexualanthropologin verlassen. Die Schamanenfrau sagt etwas Erstaunliches zu Abramović: „Du bist von einer weit entfernten Galaxie auf die Erde gekommen, um eine ganz bestimmte Aufgabe zu erfüllen.“ Und auch wenn sie sich in ihrer Autobiografie höchste Mühe gibt, sich menschlich und nahbar zu geben, wird man das Gefühl nicht los, die Schamanin könnte am Ende recht haben. Denn wenn man Abramovićs übergroßes Leben komprimiert auf 474 Seiten liest, dann glaubt man wirklich nicht, dass sie von dieser Welt ist. Das hat auch damit zu tun, was laut Schamanin ihre Aufgabe auf diesem Planeten sei: „anderen Menschen beim Überwinden ihrer Schmerzen zu helfen.“

In ihrer Kunst setzt sich Abramović nämlich Schmerzen aus, die andere als unmenschlich bezeichnen würden. Ihren ersten Erfolg feiert sie 1973 mit ihrer Performance Rhythm 10, die auf einem Trinkspiel beruht, bei dem man sich mit einem Messer möglichst schnell zwischen die Finger sticht. Natürlich trifft man nicht immer, sodass das Ganze zur blutigen Angelegenheit wird. Doch statt Schmerzen spürt die junge Frau nach einer gewissen Zeit nur noch eins: „die totale Freiheit“. Der Schmerz ist wie eine Wand, die sie durchbricht, dahinter: keine Schmerzen. Ein neuer Bewusstseinszustand. Von da an testet sie ihre Grenzen immer weiter aus. In ihren Performances reißt sie sich die Haare büschelweise mit einer Drahtbürste vom Kopf, peitscht sich aus und verliert einmal fast das Leben, als sie sich in einen brennenden Holzstern legt.
Marina Abramovic – Durch Mauern gehen
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In ihrem Buch berichtet Abramović von diesen extremen Aktionen in nüchternem, fast neutralem Ton, der wahrscheinlich jeden Voyeurismus ausmerzen soll. Es geht ihr – auch wenn sich dem Publikum schon allein beim Zusehen die Fußnägel aufrollen – nicht darum, den Schmerz zu spüren, sondern eben nicht mehr zu spüren, ihn zu überwinden. Das lernt sie bereits in ihrer Kindheit. Sie wächst in Jugoslawien als Tochter von ehemaligen Partisanenkämpfern und Kriegshelden auf, die unter Titos Herrschaft hohe Ämter bekleiden.„Wahre Kommunisten“, so lernt sie, „waren bereit, >durch Mauern zu gehen<, jedes Hindernis zu überwinden – sie waren willensstark wie die Spartaner.“ Die Mutter erzieht die kleine Marina wie eine solche Spartanerin, mit Disziplin und Härte. Man erwartet von ihr, dass sie jegliche körperlichen Züchtigungen stumm hinnimmt. Später stellt die erwachsene Marina mit ihrem Durchhaltevermögen und ihrer Zähigkeit jeden in den Schatten, auch den Künstler Ulay, mit dem sie zwölf Jahre zusammen lebt und arbeitet, bevor es zum Bruch zwischen ihnen kommt. Auch die Trennung wurde als große Performance begangen. Ursprünglich wollten die beiden von verschiedenen Enden der Chinesischen Mauer aufeinander zulaufen und in der Mitte heiraten. Stattdessen wurde ihr Wiedersehen nach 90 Tagen Marsch ein Abschied, medienwirksam inszeniert. Die Verbitterung darüber scheint bis heute echt.


Natürlich ist Abramović eine Künstlerin, die es gewohnt ist, sich öffentlich auszustellen. Das macht sie auch in ihren Memoiren routiniert. Dennoch tut dies der Faszination an ihrer Person keinen Abbruch. Eher im Gegenteil. Marina Abramović ist und bleibt ein Phänomen, das nur schwer zu fassen ist, auch wenn sie noch so viel Privates von sich preisgibt. Genau das macht sie zu einem Star. Sie selbst sagt, es gäbe nicht nur eine, sondern drei Marinas: die Kriegerin, die Spirituelle und die Jammertante. Doch wahrscheinlich sind es noch viel mehr. Auch die Marina, die diese Memoiren aufgeschrieben hat, ist vielleicht nur eine Art Rolle. Zwar teilt sie sehr viele persönliche Momente mit dem Leser, wirklich intim wird es aber nie. Wer sich jedoch einen Überblick über Abramovićs Werdegang und Oeuvre – kuratiert von der Meisterin selbst – verschaffen möchte, ohne sich durch alle Interviews und Dokus der letzten Dekaden zu wühlen, der spart durch die Lektüre dieses Buches sehr viel Zeit und wird während des Lesens immer wieder ungläubig staunen über dieses Leben in Extremen, das seines gleichen sucht – und vielleicht im allerbesten Fall auch mal wieder Lust auf experimentelle Kunst bekommen….


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