Erfurt 1. Mai 2015

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Ein Tag, der zum Nachdenken anregt

Oder wie ein traditionsreicher Feiertag Alibi-Funktion annimmt

Wie von einer alten Tradition geleitet, begebe ich mich Jahr für Jahr zu einer der vom DGB  organisierten  Mai-Feiern, die sich seit einigen Jahren zu einer Art Pflichtprogramm, sowohl was die Organisation wie auch die Teilnahme daran betrifft, entwickelt zu haben scheinen. Ein Tagesordnungspunkt, der abgehakt wird, es gibt nichts Neues mehr, nichts das Menschen anzieht oder gar begeistern könnte. Wenn in einer Stadt mit zweihunderttausend Einwohnern überschaubare zwei- bis dreihundert Personen, die Standbetreuer inbegriffen, die Kulisse für diesen Feiertag bilden, scheint das inzwischen niemanden mehr wirklich zu interessieren.

erster_Mai_in_Erfurt  Erfurt_1.Mai_2015

Ich erinnere mich noch an die Volksfeste früherer Jahre. Zur Demo ging man in der DDR mehr aus Zwang und Rudel-Disziplin und gönnte den SED-Bonzen auf den Tribünen, nebst ihren Blockflöten, den Spaß, scheinbar bejubelt zu werden. Das Danach war wichtig. Der Zug endete meist auf einem Festplatz, in meiner Heimatstadt im städtischen Stadion, wo etwas geboten wurde, das die Menschen anzog, mehr als Bierstand, Bratwurstbude und einige wenige Informationsstände von Parteien und Organisationen. Die Hüpfburg für die Kleinen ist übrig geblieben, der Andrang hält sich in Grenzen.

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Die Tradition blieb bis Mitte der 90`er Jahre, bis den Gewerkschaften die Mitglieder wegliefen und das Geld knapper wurde. Es begann die Zeit der Ausreden für eine galoppierend rückläufige Teilnahme und Akzeptanz.  War das Wetter schlecht, war es das schlechte Wetter, waren bei gutem Wetter wenig Besucher da, war es das gute Wetter, das die Menschen auf den Balkonen oder Gärten festhielt. War das Wetter unbeständig, wechselhaft wie heute, war es die Angst, es könnte vielleicht noch regnen.  Fiel der 1. Mai auf einen Donnerstag, Freitag, Montag oder Dienstag, nutzen die Menschen angeblich das lange Wochenende, ob mit oder ohne Brückentag, für Ausflüge oder andere Vorhaben. Ein Samstag oder Sonntag als 1. Mai waren eben freie Tage wie alle anderen. Irgendwann war die Palette der Ausreden erschöpft und es pegelte sich auf den heutigen Stand ein.



Die heutige Mai-Feier hatte lediglich ein kleines Geschmäckle, das sie von bisherigen unterschied, was aber auch niemanden zu interessieren schien, wie die Besucherzahl zeigte. Es war die Nabelschau der neuen dunkelrot-hellrot-grünen Landesregierung, deren Chef man zwar vergeblich suchte – vielleicht weilt er wie kurz nach seiner Inthronisierung in Venedig oder anderswo – dafür aber eine Hand voll anderer Volksvertreter anwesend war.
1.Mai
Von Links nach Rechts: André Blechschmidt (LINKE, parlamentarischer Geschäftsführer), Moderator unbekannt, Astrid Rothe-Beinlich (manchmal eher peinlich, B90/Grüne, parlamentarische Geschäftsführerin), Wolfgang Thiefensee (SPD, Thüringer Wirtschaftsminister, einst OB von Leipzig, der die Stadt auf einem gewaltigen Schuldenberg regelrecht sitzen ließ), verdeckt, was aber völlig unschädlich ist Sandro Witt (DGB-Vize-Chef Hessen-Thüringen)

An den Rändern tobten sich indes die Neo-Braunen aus, die, die noch immer nichts aus der Geschichte lernten und sicher auch nicht mehr lernen wollen, verfolgt vom Gegenpol, dem solche Anlässe stets willkommen zu sein scheinen, das eigene Gewaltpotenzial öffentlich zu pflegen. Sie halten sich für die Besseren, die Guten, obwohl sie in der jüngeren Geschichte nicht mehr zu Stande gebracht haben, als diese andere Art von Totalitarismus.
Neonazis  Foto Thüringer Allgemeine

Adieu, erster Mai

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